Napoleon gilt als eine der herausragenden historischen Figuren Europas. Er war ein talentierter Feldherr, geschickter Stratege und entschlossener Verfechter des Code civil (Zivilrecht) – eine bedeutende Errungenschaft des modernen Staats. Doch Napoleons Gesamtwirken wird nicht umsonst sehr zwiespältig beurteilt – unter anderem, weil er der bislang größte Kunsträuber der Geschichte war. Mit der französischen Revolution und der nachfolgenden Ära Napoleons wurde der Kunstraub geradezu systematisiert.

Die französischen Revolutionäre verstanden sich als Vertreter einer neuen Weltordnung mit Paris als Mittelpunkt. Kunstschätze besiegter Staaten, die sich bisher in Kirchen, Klöstern und fürstlichen Sammlungen befunden hatten und nur wenigen Menschen zugänglich waren, sollten nun dem ganzen Volk, vor allem aber dem französischen, gehören und wurden nach Paris abtransportiert.

In Deutschland, den Niederlanden, Italien, Ägypten, Polen und Italien sackten die französischen Truppen Kunstwerke ein und brachten sie in den Louvre, das neue öffentliche Kunstmuseum von Paris. Napoleon wurde zum Protagonisten dieser Politik und knüpfte an antike römische Traditionen an, dem Gegner wertvolle Schätze und Heiligtümer zu rauben und diese dann als Trophäen öffentlich zu präsentieren.

Jan van Eyck (und mutmaßlich sein Bruder Hubert) – Genter Altar, um 1432 – geschlossene Ansicht (Quelle Wikimedia)
Jan van Eyck (und mutmaßlich sein Bruder Hubert) – Genter Altar, um 1432 – geöffnete Ansicht (Quelle Wikimedia)

1794 waren so beispielsweise die Mittelteile des Genter Altars aus Flandern (damals Niederlande, heute Belgien) nach Paris verschleppt worden. Die Rückgabe erfolgte erst nach der Niederlage Frankreichs in Waterloo und dem Friedensschluss im Jahr 1815. Weitere Beispiele bieten die Besetzung des Vatikans und Teile Italiens durch Napoleons Truppen im Jahr 1796.

Napoleon besoldete acht kunstverständige Kommissare, unter anderem seinen Lieblingsmaler Antoine-Jean Gros (1771–1835), die ab 1797 anhand von Wunschzetteln und Inventarlisten Gemälde und Plastiken beschlagnahmten. Der Papst konnte sich den Fortbestand seines Kirchenstaates erkaufen – unter anderem mit wertvollen Kunstwerken wie die Verklärung von Raffael (1483–1520).

Antoine-Jean Gros, Napoléon bei der Brücke von Arcola, 1796. Sammlung Schloß Versailles. (Quelle Wikimedia)
Raffael, Transfiguration (Verklärung), 1518–20 Vatikanische Museen. Das Bild gilt als letztes Werk Raffaels. (Quelle Wikimedia)

Zu Zeiten von Napoleons Raubzügen galt es als berühmtestes Gemälde weltweit, das bei der Aufbahrung des „sterblichen Gottes“ Raffael über seinen Leichnam gehängt wurde. Als Raffael starb, „hätte auch die Malerei sterben können, die gleichsam blind zurück blieb“, schrieb Giorgio Vasari (1511–1574), der „Vater“ aller Kunsthistoriker.

Insgesamt 500 Gemälde und zahlreiche Skulpturen sind der Preis der französischen Unabhängigkeitsgarantie für den Vatikan gewesen. Hauptwerke wie die Laokoongruppe wurden im Triumphzug durch Paris geführt.

Aus den Uffizien in Florenz raubten die Franzosen Sandro Botticellis (1445–1510) Geburt der Venus, aus Venedig die Quadriga von San Marco, die einst die Venezianer selbst aus Konstantinopel geraubt hatten. Im Friedensjahr 1802/03 wurde es Zeit für eine festliche Zwischenbilanz.

16.000 englische Touristen besuchten in jenem Jahr Paris und bewunderten die dort versammelten Kunstschätze. Viele Künstler von der Insel wie William Turner (1775–1851) brannten darauf, den neuen Louvre zu sehen und fertigten dort fleißig Kopien an.

Napoleon hatte ein Faible für teure Pferde.
Napoleon und seine Must-Have-List: Darauf stand auch die antike Quadriga von San Marco, Venedig. (Quelle Wikimedia)

Nach dem Sieg über Preußen konnte Napoleon die Kunstsammlungen in Berlin, Potsdam, Kassel und Braunschweig plündern. Allein aus der kurfürstlichen Kunstsammlung in Kassel verschwanden 400 Bilder. Seine wertvollsten 48 Gemälde versteckte der hessische Kurfürst vor seiner Flucht in einem Gartenschloss, doch sie wurden entdeckt und umgehend vom französischen General Legrange der Kaiserin Josephine geschickt, die sich gerade im nahen Mainz aufhielt.

Napoleon liebte nicht die Kunst, sondern die Macht

Napoleons Kunstkommissar Baron Dominique-Vivant Denon war bereits auf dem Weg nach Kassel, kam aber zu spät. Denon, selbst Zeichner und Kunstsammler, war Napoleons Auge; seit 1802 war er Generaldirektor der französischen Museen und begleitete seinen Dienstherrn regelmäßig bei Feldzügen ins Ausland, um Beutekunst-Wunschlisten abzuarbeiten. Nun aber war die Kaiserin schneller gewesen und hatte ihrem Gatten die Meisterwerke vor der Nase weggeschnappt. Bis zu ihren Tod konnte sie die Werke behalten.

Ihre Erben verkauften die Gemälde aus der Kasseler Sammlung, darunter Werke von Rembrandt. Dennoch konnte Denon aus dem reichen Kasseler Bestand einiges für den Louvre abgreifen. Als Napoleon in Berlin einzog ließ er die Quadriga, die Pferdegruppe auf dem Brandenburger Tor, nach Paris abtransportieren.

Dort sollte eigens für das Werk ein Triumphbogen erbaut werden, wozu es aus politischen Gründen nicht mehr kam. Im Oktober 1807 präsentierte man Hunderte von Werken aus den preußischen Kunstsammlungen in einer großen Ausstellung im Louvre.

Seit 1803 hieß das Museum allerdings ›Musée Napoléon‹ – gedacht als eine Art Supermuseum für die besten Kunstwerke Europas. Doch interessierte Napoleon sich wirklich für Kunst, sofern sie ihm nicht als Propagandamittel diente?

Sein Innenminister Jean-Antoine Chaptal beschrieb, wie Napoleon den Louvre besichtigte: „Es war seltsam, ihn zu beobachten, wenn er eiligst durch das glänzende Museum seiner Hauptstadt schritt. Alle Kunstwerke aller Zeiten ließen ihn im Grunde kalt. Er blieb überhaupt nirgends stehen, und wenn man seine Aufmerksamkeit auf dieses oder jenes Stück zu lenken versuchte, fragte er nur gleichgültig, vom wem ist das – dabei sagte er kein Wort und zeigte nicht die mindeste Bewegung.“

Napoleon sah die Kunst als nationales Prestigeobjekt. Er hatte kein persönliches Interesse daran und wollte sich nicht an den Werken bereichern – im Gegensatz zu anderen Diktatoren und Machtmenschen, die ihre Position nutzten, um sich in Kriegs- und Revolutionszeiten mit einer eigenen Kunstsammlung auszustatten.

Die Menge der unter Napoleon erbeuteten Kunstwerke überstieg selbst die Kapazitäten der Pariser Museen; Chaptal musste schließlich per Erlass dafür sorgen, dass die Galerien aller größeren Städte Frankreichs ebenfalls mit Kunstwerken versorgt wurden.

Nach dem Sturz Napoleons forderten die ausländischen Fürstenhäuser ihren Kunstbesitz zurück. Der Großteil der Beute blieb allerdings bis heute in Frankreich, und Napoleon lieferte zahlreichen Kriegsherren und Diktatoren eine Blaupause für deren Beutezüge.

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