Die in diesem Jahr wieder in Kassel stattfindende Weltausstellung documenta überraschte im Oktober 2021, indem sie die stets geheimnisumwitterte Künstlerliste exklusiv in der Hannoverschen Straßenzeitung „Asphalt Magazin“ publizierte und diesem damit große Aufmerksamkeit sicherte.

In der kalten Jahreszeit gerät regelmäßig auch das Schicksal von Obdachlosen und anderen sogenannten „Randständigen“ in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit. Um ihren Status aufzuwerten, entstanden seit den 1980er Jahren anzeigenfinanzierte Straßen- und Obdachlosenmagazine, die aus bloßen Almosenempfängern reguläre Zeitungsverkäufer machen und ihnen somit eine Art Einkommen ermöglichen sollten.

Die 2022 in Kassel stattfindende Weltausstellung documenta überraschte die Öffentlichkeit, indem sie die stets geheimnisumwitterte Künstlerliste exklusiv in der Hannoverschen Straßenzeitung „Asphalt Magazin“ publizierte. Für die Öffentlichkeit war die Liste eigentlich nicht besonders interessant, denn es fanden sich fast nur Künstlerinnen und Künstler sowie soziokulturelle Kollektive darauf, die einen geringen Bekanntheitsgrad haben und im westlichen Kunstbetrieb bislang keine große Rolle spielten.

Cover des Straßenmagazins Asphalt aus Hannover

Interessanter war der Publikationsort für die Liste: kein Leitmedium, keine Fachpresse, sondern eine Zeitung, deren Verkauf Obdachlosen den Lebensunterhalt erleichtern soll. Der „Asphalt“-Chefredakteur schwärmte von einer „natürlichen Verbindung“, die sich durch die Anfrage der documenta ergeben hätte.

Kooperation von Kunstwelt und Strassenmagazin

Kooperationen von Kunstwelt und Straßenmagazinen sind nichts neues. So berichtet das Düsseldorfer Straßenmagazin fiftyfifty seit 26 Jahren mit festen Rubriken über Kunst und Kultur. Die Ausgabe von Mai 2021 zierte Joseph Beuys als Cover-Boy: „Obdachlosigkeit, der erweiterte Kunstbegriff und die Soziale Plastik“.

documenta Künstler Beuys auf dem Cover des Straßenmagazins FiftyFifty, das von Obdachlosen verkauft wird
Beuys als Coverboy des Straßenmagazins FiftyFifty

Bereits 2019 hatte fiftyfifty eine Kunstaktion im Sinne der Idee der Sozialen Plastik initiiert: Unter der Regie der Fotokünstlerin Katharina Mayer präsentierten sich sieben Zeitungsverkäufer vor dem Düsseldorfer Rathaus als lebende Skulpturen auf weißen Galerie-Sockeln.

Auch in der Schweiz war bereits ähnliches zu beobachten: Während der Manifesta in Zürich 2016 animierte das Schweizer Straßenmagazin „Surprise“ die Verkäuferinnen und Verkäufer unter dem Motto „Kunst ist, Surprise zu verkaufen“ den Absatz der Zeitung durch Straßenperformances zu steigern – zwei von Ihnen eroberten sogar die Bühne des Cabaret Voltaire.

Warum greifen Straßenmagazine das Thema Kunst auf? Vermutlich versprechen sie sich davon eine größere Akzeptanz in der Gesellschaft und eine größere Leserschaft, vor allem in großstädtischen Kunstmetropolen.

Strassenfeger, Museumsfeger und „Kunst der Arbeiterklasse“

Gibt es nennenswerte Reaktionen der Leserschaft auf die Kunstbeiträge? Bastian Pütter vom Dortmunder Straßenmagazin „bodo“ erklärt: „Es gibt bei uns regelmäßig Beiträge zu zeitgenössischer Kunst. Meist in Form von KünstlerInnen-Porträts oder Ausstellungsbesprechungen. Im Vergleich zu sozialen Reportageformaten nimmt Kulturberichterstattung aber den geringeren Teil der Seiten ein. Die meiste schriftliche Resonanz erreicht uns vor allem zur Berichterstattung über Wohnungslosigkeit, Armut etc.“

Ann Brügmann vom Berliner strassenfeger MAG erläutert: „Der originale strassenfeger erschien über 23 Jahre und hatte viele Beiträge zur zeitgenössischen Kunst. Eine Reaktion darauf ist schwierig nachzuvollziehen – wir erhalten wenig Feedback auf unsere Inhalte. Seit 2020 sind wir mit einem neuen Format auf der Straße. Im strassenfeger MAG behandeln wir eher gesellschaftspolitische und -kritische Themen, planen jedoch für Januar 2022 auch eine Feuilleton Ausgabe.“ Der strassenfeger e.V. organisiert neben dem Magazin auch Notunterkünfte und Übrigküchen in Berlin.

2018 war der „strassenfeger“ wegen stark sinkender Auflage und nachlassendem Interesse vorübergehend eingestellt worden. Das Nachfolgemedium „Karuna Kompass“ setzte bewusst auf das Thema Kunst, um die Öffentlichkeit zu erreichen. Mit einem frischen und luftigeren Layout erscheint die Zeitung wie ein hippes Magazin, das auf ein jüngeres Publikum zielt.

Strassenfeger Nachfolger Karuna Kompass
Der Karuna Kompass kann auch abonniert werden – hier

„Kunst und Soziales gehen hier offensichtlich eine wirkungsvolle Partnerschaft ein“, lobten Berliner Journalisten das Projekt, in dem kunstnahe Akteure die Fäden ziehen: Die Kreativdirektion und das Grafikdesign wurden von der Firma „Independent Connectors“ des Sammlers Christian Kaspar Schwarm übernommen, der 2019 den Art Cologne Preis erhielt.

Die Chefredaktion liegt in den Händen einer Kunstkritikerin, Astrid Mania. Der Anspruch des „Karuna Kompass“ geht darüber hinaus, nur eine weitere Straßenzeitung oder gar ein Alibi zum Betteln für Obdachlose zu sein. Mit Hilfe der Kunst sollte eine „Zeitung für gesellschaftliche Veränderungen“ entstehen. 

Prekäre Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb inspirierten die Berliner Künstlerin Ann Schomburg 2017 zur Gründung des Magazins „Museumsfeger“ – eine Namensvariation des traditionsreichen originalen „Strassenfegers“. „Kreative in der Krise“ sollten durch den Straßenverkauf  des „Museumsfegers“ ihr Einkommen aufbessern können.

Der hungernde Künstler Sascha Boldt verkauft den Museumsfeger in Venedig
Ein Künstler bietet den „Museumsfeger“ in Venedig an

Die Null-Nummer wurde auf der documenta in Kassel verteilt. Chefkurator Adam Szymczyk ging mit seiner Entourage achtlos vorbei, auch der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (der 2019 von einem Rechtsextremisten ermordet wurde) wimmelte den Verkäufer mit Worten „Nee danke, Kollege!“ ab.

Der Fehler des „Museumsfegers“ bestand darin, dass sich kaum ein Künstler oder eine Künstlerin mit der Zeitung vor ein Museum stellen und damit öffentlich persönlich das berufliche Scheitern eingestehen wollte.

Im Folgejahr lancierten der Maler Paul Sochaki und die Kuratorin Maria Ines Plaza Lazo die mehrsprachige Zeitung „Arts of the Working Class“. Das Projekt basierte nun auf einer Arbeitsteilung: Künstler und Intellektuelle schrieben Beiträge, während Obdachlose und Studentinnen und Studenten die Verteilung auf der Straße übernahmen.

Im Idealfall wollen all diese Magazine Menschen, die auf der Straße leben, ebenso ansprechen wie die Akteure des internationalen Kulturbetriebs, sie wollen die Kunst mit dem Sozialen, mit dem Leben verbinden. Ob dies gelingt oder nur ein Traum bleibt?

Im Zeitalter von Corona haben jedenfalls beide Seiten zu kämpfen, wobei Obdachlose, einschließlich der Straßenmagazinverkäufer, noch härter von Lockdowns, Einkommensverlusten und sozialer Ausgrenzung betroffen sind. 

Braucht die documenta einen Straßenfeger?

Zurück zur Medienpartnerschaft zwischen documenta und dem Straßenmagazin Asphalt: Wer profitiert davon mehr, wer braucht wen dringender? Die documenta und im weiteren Sinn auch alle anderen Großausstellungen und Institutionen zeitgenössischer Kunst befinden sich in einer Legitimationskrise. Der Kunstbetrieb ist in weiten Teilen elitär geworden und wird von den starken Playern des Kunstmarktes dominiert. Die documenta insbesondere sieht ihr Image durch die mediale Thematisierung fragwürdiger Beteiligter in Misskredit geraten und steht unter Zugzwang.

Dringend benötigt wird daher die Nähe zu weniger privilegierten gesellschaftlichen Schichten und Weltregionen. Die Gegenwartskunst hat ein massives Authentizitätsproblem und leidet mittlerweile chronisch unter ihrer Abgehobenheit. Mit der Nähe zu einer Obdachlosen-Zeitung demonstriert die documenta politische Sensibilität und einen Sinn für die gesellschaftliche Realität. Die Frage ist, ob das ein PR-Stunt bleibt oder sich hier ein roter Faden nach Kassel entrollt. Im Sommer 2022 werden wir mehr wissen …

Artwork Beitragsbild unter Verwendung eines Bildes von hanohiki/AdobeStock

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