Vor hundert Jahren starb der italienische Künstler und Lebemann Amedeo Clemente Modigliani an Tuberkulose. Sein Leben und seine Kunstwerke sind bis heute Legendenumwoben. Versucht man all diese Geschichten zu komprimieren, kristallisieren sich zwei Haupt-Erzählungen heraus: Die klassische Maler-Modell-Beziehung und der tragische frühe Tod. Damit wurde Modigliani zum Prototyp des romantischen Künstler-Bohemien, dessen Mythos noch immer strahlt. Und natürlich: Er soll dem Alkohol, dem Haschisch und den Frauen lebhaft zugesprochen haben.

Wie viele Künstler seiner Zeit setzte sich Modigliani (1884–1920) intensiv mit weiblicher Schönheit auseinander – seine Aktgemälde zählen bis heute zu den beliebtesten des Genres. Doch im Unterschied zu den meisten Kollegen haftete Modiglianis Bildern eine unverkennbare Melancholie an. In der Zeit der Romantik war diese innige Verbindung zwischen Schönheit und Vergänglichkeit wohlbekannt. Die Kombination von vitaler Schönheit und unheilvollen Todessymbolen ist besonders in der „Schwarzen Romantik“ regelrecht kultiviert worden.

Sie taucht seitdem immer wieder sporadisch in der Kulturgeschichte der Moderne auf, in der Literatur, in der Kunst oder in der Mode, wie ein eindrucksvolles Beispiel aus Berlin in der Zeit des Erstens Weltkriegs zeigt: Die Trauermode der Kriegerwitwen mit ihrem schwarzen Gesichtsschleier war in Windeseile von Prostituierten übernommen worden.

Der Witwenschleier verschaffte den Freiern den morbiden Kick, eine Frau zu begatten, deren Mann gerade erst getötet worden war. Die falschen Witwen, die den Straßenstrich am Potsdamer Platz bevölkerten, dienten wiederum Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner als erotisierender Blickfang seiner berühmten Berliner Straßenszenen.

Zur gleichen Zeit malte der in Paris lebende Amedeo Modigliani eine Serie von dreißig Aktbildern liegender, sitzender oder stehender Modelle.

Schöne nackte Frau im Opiumrausch?Modigliani, „Liegender Akt“ 1917. Long-Museum Chongqing
Amedeo Clemente Modigliani, „Liegender Akt“ 1917. Long-Museum Chongqing

Diese Serie sollte ihm posthum Weltruhm einbringen. Ikonisch wurden etwa der Liegende Frauenakt auf weißem Kissen (Staatsgalerie Stuttgart) oder jener Liegender Akt, der sich heute im Long-Museum in Chongqing befindet. Warum die Darstellungen seinerzeit als skandalös empfunden wurden, ist kaum noch nachvollziehbar.

Die Frauen wirken kühl und würdevoll, fast schon im heutigen Sinne „cool“. Ihre Proportionen, vor allem Gesicht und Hals, sind überlängt, zusammen mit den mandelförmig geschnittenen Augen ergibt sich ein zeitloses Bild weiblicher Schönheit, deren erotische Inszenierung beiläufig-lässig und melancholisch gefiltert wirkt.

Modiglianis Aktmodelle

Modiglianis Aktmodelle verkörpern ein modernistisches, aber auch irreales Schönheitsideal, das zudem von den Formen afrikanischer Masken und antiker Statuen inspiriert worden war. Im gleichen Jahr, in dem er seine legendäre Serie von Aktmodellen malte, lernte Modigliani die weit jüngere Malerei-Studentin Jeanne Hébuterne kennen.

Die junge Frau des Künstlers: Modigliani, „Porträt der Jeanne Hébuterne“ 1918. Privatsammlung
Amedeo Clemente Modigliani, „Porträt der Jeanne Hébuterne“ 1918. Privatsammlung

Seinen riskanten Lebenswandel änderte er nicht, obwohl ein gemeinsames Kind geboren wurde und beide den Plan verfolgten, zu heiraten. Jeannes Eltern waren dagegen. Die romantische Liebe setzte sich durch. Doch dann erkrankte Modigliani akut. Aufgrund ihrer starken Verbreitung unter Künstlern, Dichtern und anderen Dachkammer-Bohemiens wurde die Tuberkulose zum Schicksals- und Leidensweg besonders sensibler Menschen erklärt, Krankheit und Genie galten als zwei Seiten einer Medaille.

»Die glänzenden Augen, die roten Wangen waren Ausdruck eines selbstzerstörerischen Seelenfeuers: die Tage des Tuberkulosekranken verglühten.«

Der französische Arzt René Laënnec

Eine der bekanntesten literarischen Glorifizierungen der Tbc dürfte Thomas Manns Epos Der Zauberberg sein. Inspiriert durch die Erkrankung seiner Frau, siedelte er die Handlung in einem Davoser Lungensanatorium vor dem Ersten Weltkrieg an. Zu jener Zeit waren noch keine effektiven Medikamente entwickelt worden, und der Aufenthalt in den Gebirgssanatorien mit „Liegekuren“ in der kalten Winterluft war eigentlich nur eine Placebo-Behandlung, vor allem eine Gelegenheit für die Todgeweihten, ihre letzten Monate in Gesellschaft zu verbringen.

Auch den zeitlebens lungenkranken Modigliani ereilte das Schicksal der „Schwindsucht“, dem allmählichen Verschwinden der Lungensubstanz im Laufe der Jahre. Die Tuberkel-Bakterien vermehren sich in der Lunge und zerstören ihr Gewebe, welches der Patient dann peu a peu aushustet. Seine Lebenszeit schwindet, jeder Tag, der noch mit Aktivität verbracht werden kann, ist wertvoll.

Lasziver Blick, traumverhangen: Modigliani, „Liegender Frauenakt auf weißem Kissen“ 1917. Staatsgalerie Stuttgart
Amedeo Clemente Modigliani, „Liegende Frauenakt auf weißem Kissen“ 1917. Staatsgalerie Stuttgart

Modigliani starb am 24. Januar 1920 im Alter von 35 Jahren, am folgenden Tag stürzte sich seine schwangere Verlobte aus dem Fenster. Es war das katastrophale Ende eines Künstlerpaares, dessen Dramatik die Nachwelt noch lange faszinieren sollte.

Modigliani schuf in seinem kurzen Leben gut 400 Gemälde. Seinen Aktmodellen, die in der Blüte ihres Lebens standen, verlieh er durch die Gestaltung der Augen eine eigentümliche Signatur. Im scharfen Kontrast zu den rosigen, vollen Körpern stehen die leeren Augen: Im Moment, in dem das Leben triumphiert, kündigt sich der Tod schon an. Doch zugleich verschafften die melancholischen Schönheiten dem Maler ein überraschend langes und vitales Nachleben in der Kunstgeschichtsschreibung, in Privatsammlungen und Museen. Ein Paradox: Gerade die morbide Schönheit erwies sich als besonders langlebig.

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