Van Gogh, Matisse oder Nolde – über die Meister der Klassischen Moderne ist eigentlich alles gesagt – unendlich oft gefeiert, bejubelt und totgelobt in Retrospektiven rund um den Erdball. Wie soll man sich heute mit Vincent van Gogh & Co befassen und zugleich einem intellektuellen Anspruch genügen? Das Zauberwort lautet: Entzauberung! Entzauberung der alten Künstlermythen. So werden heute Rezeptionsgeschichte und Provenienzgeschichte bemüht, um eine an sich auserzählte Künstlervita wieder interessant erscheinen zu lassen.

Van Gogh – schon zu Lebzeiten an der Schwelle zum Erfolg

Kaum zu glauben? Doch, es ist wahr. Vincent van Gogh (1853–1890) war in seinen letzten Lebensjahren in Frankreich kein Unbekannter mehr. Er befand sich an der Schwelle zum Erfolgskünstler, wurde allerdings als Außenseiter angesehen, was ihn schmerzte. Posthum wuchs sein Ruhm in Frankreich, aber noch viel stärker in Deutschland, wo er zum regelrechten Mythos verklärt wurde, zum Prototyp des verkannten, aber genialen Künstlers. Paris war damals die weltweit überragende Kulturmetropole.

Der deutsche Kunstkritiker und Van-Gogh-Sammler Julius Meier-Graefe hatte einige Zeit in der französischen Hauptstadt gelebt und vermittelte seine Beobachtungen den deutschen Lesern. Besonders bei der Popularisierung des bislang unbekannten Van Gogh spielten Meier-Graefes viel gelesene Schriften und Romane über den Künstler eine Schlüsselrolle. Es kam zu einer regelrechten Ankaufswelle durch Museen und Privatsammler. Bis 1914 befanden sich schon rund 150 Werke in deutschem Besitz. Beispielsweise im Frankfurter Städel hingen zu diesem Zeitpunkt bereits drei Gemälde, darunter das legendäre Porträt des Dr. Gachet.

Der leere Rahmen im Städel Museum. Einst gehörte das Porträt zur Sammlung des Frankfurter Städel Museums. 1937 wurde es auf Befehl der Nazis beschlagnahmt und ins Ausland verkauft. Dem Museum blieb nur der Originalrahmen – 2019 wurde er bei der großen Ausstellung „Making van Gogh“ dem Publikum präsentiert.
Leerstelle Van Gogh: Der Originalrahmen jenes Gachet-Porträts, das ehemals vom Städel angekauft und 1937 in der Kampagne „Entartete Kunst“ beschlagnahmt worden war.

Die Kunstrezeption fand damals in einem nationalistisch aufgeheizten Klima statt. Ästhetische Wertungen und patriotische Bekenntnisse, Überlegenheitsgefühle und Minderwertigkeitskomplexe bildeten eine bisweilen toxische Mischung. So riefen die die starken Kunstimporte aus dem westlichen Nachbarland Widerstand in Deutschland hervor. Der Künstler Carl Vinnen publizierte 1911 eine von zahlreichen Kollegen unterzeichnete Streitschrift anlässlich des Ankaufs von Van Goghs Mohnfeld durch die Bremer Kunsthalle. Tenor der Broschüre war die Behauptung, die Überfremdung mit französischer bzw. impressionistischer Kunst verhindere die Entwicklung einer eigenständigen deutschen Kunst.

Doch bald war die Forderung nach einem Kunstprotektionismus von der Realität überholt worden. Die Ausstellung des Sonderbundes westdeutscher Künstler im Folgejahr in Köln, an der auch zahlreiche moderne französische Künstler teilnahmen und über Hundert Arbeiten Van Goghs gezeigt wurden, hatte enorme Wirkung auf die deutsche Kunstszene. Die deutsche Kunstpublizistik feierte Vincent mal als den Überwinder eines steril gewordenen Impressionismus, mal als isolierten Vertreter einer „germanischen Kunst“ in Frankreich, mal als „Märtyrer“ und „Gottsucher“ auf verlorenem Posten.

Er habe Emotion und Inbrunst in die Malerei zurückgebracht, glaubten die Expressionisten und sahen ihn als Paten ihrer Kunstauffassung. Ab 1914 trat in der Rezeption aber zugleich eine pathologisierende Tendenz auf – ein Grund, warum seine Kunst später bei den Nazis in Ungnade fiel. In der Weimarer Republik erreichte die Van-Gogh-Hausse zunächst aber noch ihren Zenit. 

Geier am Grabe Van Goghs

Dubiose Gutachter, Händler und Fälscher traten auf den Plan, so auch Otto Wacker. Dieser ebenso distinguierte wie wandlungsfähige Herr, der zuvor als Tänzer tätig gewesen war, hatte den Beruf des Kunsthändlers für sich entdeckt, genauer: des Van-Gogh-Spezialisten. Er löste den größten Kunstskandal der Weimarer Republik aus. Mit Interessenten traf er sich in einer Suite des Berliner Nobelhotels Esplanade oder in seiner eigenen Galerie, um ihnen Van-Gogh-Gemälde zu zeigen. Wacker besaß Originale und mischte diese mit Fälschungen, die sein Bruder und sein Vater anfertigten. Leonard Wackers falscher „Sämann“ unterscheidet sich farblich erheblich vom Original, weil der Fälscher nur eine Schwarz-Weiss-Fotografie als Vorlage nutzen konnte.

Van Gogh und seine Fälscher: Hier Leonard Wackers "Sämann"
Leonard Wackers falscher „Sämann“ unterscheidet sich farblich erheblich vom Original, weil der Fälscher nur eine Schwarz-Weiss-Fotografie als Vorlage nutzen konnte. Ausstellungsansicht.

1931 kam es in Berlin zum Prozess gegen Otto Wacker. Auftritte von Van-Gogh-Kennern vor Gericht endeten zum Teil blamabel. Vor allem der Ruf des niederländischen Experten Jacob Baart-De la Faille litt erheblich, da er vor den Richtern eine legendäre Rolle rückwärts hinlegte: Erst nahm er alle Wacker-Fälschungen in sein Werkverzeichnis von 1928 auf, zwei Jahre später erklärte er alle diese Arbeiten für falsch, im Prozess wiederum erklärte er fünf dieser Gemälde wieder für echt – offenbar war er von Geschäftspartnern unter Druck gesetzt worden. „Die Weltbühne“ kommentierte: „Über das Kriminelle hinaus ist dieser Prozess der Prozess über Experten.“

Beim Stichwort „kriminell“ darf Paul Gachet nicht fehlen. “Doktor” Gachet, in dessen Obhut sich Van Gogh im Frühjahr 1890 vertrauensvoll begeben hatte, war dem verletzten Künstler in seinen letzten Stunden keine Hilfe. Auch wenn er die ominöse Schussverletzung, die Van Gogh am 27. Juli erlitten hatte, selbst nicht behandeln konnte, weil er gar kein richtiger Arzt war –  hätte er doch wenigstens professionelle Hilfe holen können. Stattdessen ließ er seinen Freund in einem Pensionszimmer in Auvers-sur-Oise sterben, riss sich zahlreiche Werke unter den Nagel und fungierte fortan als Sammler und Van-Gogh-Experte. 

Wie im Rausch hatte Vincent in seinen letzten beiden Lebensmonaten in Auvers siebzig Bilder gemalt. Gachet griff hier hemmungslos zu. Der Hobbykünstler Gachet, der unter dem Namen „Paul van Ryssel“ dilettierte, fertigte auch eine Radierung von Vincent auf dem Sterbebett an. Eine Ähnlichkeit war zwar nicht zu erkennen, Gachet brachte diese Blätter dennoch unverdrossen in Umlauf. Im Städel befindet sich noch heute ein leerer Goldrahmen  – der Originalrahmen jenes Gachet-Porträts, das ehemals vom Städel angekauft und 1937 in der Kampagne „Entartete Kunst“ beschlagnahmt worden war.

Der Rahmen steht für die Leerstelle, für den Schmerz, den der Bildersturm der Nazis noch immer hinterlässt. Diese erste Version des Porträts (eine zweite ist im Musée d’Orsay zu sehen, sie stammte aus dem Privatbesitz Paul Gachets) gelangte in den Kunsthandel und wurde 1990 letztmalig in der Öffentlichkeit gesehen, als es der Japaner Ryoei Saito ersteigerte.

Van Gogh auf dem Sterbebett – dilettantische Grafik von Paul Gachet.
Der Hobbykünstler Gachet, der unter dem Namen „Paul van Ryssel“ dilettierte, fertigte eine Radierung Van Goghs auf dem Sterbebett an – eine Ähnlichkeit ist nicht zu erkennen.

Bekannt geworden ist Van Gogh für seinen immens pastosen Farbauftrag und die zum Teil ungemischt und direkt aus der Tube aufgetragenen Farben. Sein eigentliches Markenzeichen aber sind die kurzen, unverbundenen Pinselstriche, die er auf die Flächen setzte. Dadurch wird ein flirrender, strömungsähnlicher Effekt erzeugt, die Striche erzeugen den Eindruck einer pulsierenden Ordnung – davon kann man sich überzeugen beim Besuch im Van-Gogh-Museum.

Diese Technik hatte einen hohen Wiedererkennungswert, und wurde von vielen Künstlern (und Fälschern) nachgeahmt, bisweilen wurde die Technik auch als Indiz für die „Verrücktheit“ des Künstlers interpretiert. Tatsächlich experimentierte Van Gogh geradezu planvoll und durchaus rational mit all den Stilen, die Ende des 19. Jahrhunderts aufkamen. In seinen Gemälden kommt diese Vielfalt, kommt sein Suchen und Experimentieren klar zum Ausdruck. Hier lassen sich Beispiele für eine flächige wie auch linienbetonte Bildgestaltung finden, für gedämpfte oder knallige Farbgebungen, für statische oder bewegte Kompositionen.

In seinen letzten Lebensjahren neigte Van Gogh immer stärker zu jener typischen rhythmischen Strukturierung der Bildfläche. Die einzelnen Pinselstriche werden zu Vektoren, Strudel, Wirbel und Ströme treten immer stärker hervor. Der Duktus löst sich von der Gegenstandsbeschreibung. Sind dies Anzeichen des Wahnsinns gewesen, drohte der Künstler in seinen eigenen Wirbeln unterzugehen?

Schon damals erkannten die Van-Gogh-Experten wie Meier-Graefe: „In der größten Wildheit Van Gogh’scher Fantasien ist immer eine starke, ordnende Hand zu sehen“. Und der Kunstkritiker Paul Fechter pflichtete bei: „Die Wildheit des Erlebnisses wird immer formal organisiert.“ Vincent war kein „Irrer“. Er war ein fleißiger und gut organisierter Systematiker.

Film zur Ausstellung “Making van Gogh”, Städel Museum 2019.



Beitragsbild von Ståle Grut auf Unsplash

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