Rembrandt, Picasso oder Immendorff – Künstlernamen sind Markenzeichen. Signaturen funktionieren wie Brandings in der Warenwelt, die Begehrlichkeiten wecken. Doch es macht einen großen Preisunterschied, ob es sich um Originale, Werkstattkopien oder Schülerarbeiten handelt. Entsprechend groß ist die Versuchung, hier zu manipulieren. Aber was passiert, wenn der Künstler selbst den Überblick verliert und das allgemeine Vertrauen in die Qualitätskontrolle im Atelier verloren geht?

Jörg Immendorff (1945–2007) ließ seinen Ateliermitarbeitern oftmals freie Hand, in den späten Jahren mehr und mehr und vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Anfang der 2000er Jahre fiel das Selbstbildnis Clown mit Rose von 1997 im Handel unter Fälschungsverdacht. Der Künstler teilte darauf dem bayerischen Landeskriminalamt mit, das Gemälde sei nicht von ihm und stamme nicht aus seinem Atelier. Zwei Monate später änderte er seine Meinung: »Es ist doch von meiner Hand, hat allerdings den Stellenwert einer flüchtigen Skizze und hat als Geschenk das Atelier verlassen.«

"Hab ich das gemalt?" Selbstporträts – ein Lieblingsgenre von Immendorff.
Selbstporträt aus der Hand des Meister? (Mit Dank an Thierry Ehrmann auf Flickr)

»Die Gesichter hölzern, der Raum ohne Tiefe, ein echter Immendorff ist etwas anderes.«

Galerist Michael Werner

Im Sommer 2008, ein Jahr nach dem Tod des Künstlers, schlug der Kunsthändler Michael Werner Alarm: Es seien 25 bis 30 falsche Immendorff-Gemälde im Umlauf, und der Marktwert des von ihm vertretenen Künstlers sei deshalb bedroht. Immendorffs Kölner Galerist und Nachlassverwalter sagte der Süddeutschen Zeitung, dass der Maler Anfang der 1990er Jahre aus Geldnot Kopien von Mitarbeitern seines Ateliers signiert und als Originale verkauft habe. Er habe den Künstler mehrfach gebeten, seinen Ruf nicht zu beschädigen, aber darum habe der sich nicht gekümmert. Mehrere deutsche Auktionshäuser hätten bereits Atelierkopien als Originale verkauft.

Der Düsseldorfer Kunstberater, Händler und Sammler Helge Achenbach sagte damals, dass 50 bis 100 Atelier-Kopien in Umlauf seien. Als Fälschungen wollte er diese Bilder allerdings nicht bezeichnen, sie seien eher mit „handsignierten Grafiken“ vergleichbar. Über das umstrittene Gemälde Café de Flore von 1990/91, das im Juni 2008 zum Schätzpreis von 120.000 Euro im Münchner Auktionshaus Ketterer versteigert werden sollte (wegen Werners und Achenbachs Verdacht wurde es zurückgezogen), urteilte Werner: »Die Gesichter hölzern, der Raum ohne Tiefe, ein echter Immendorff ist etwas anderes.«

Umstrittenes Gemälde – mit Immendorff als Kellner und seinem Akademielehrer Joseph Beuys als ungelenker Joint-Anzünder (mit Dank an Pim Chu auf Unsplash)

Immendorffs Markenzeichen

Weniger befangenen Betrachtern ist das nicht so klar. Immendorffs Markenzeichen waren ja gerade „hölzerne“ Gesichter an der Grenze zur Karikatur, Räume ohne Tiefe, Körper ohne Plastizität. Hier handelt es sich um eine Kopie oder Variante des Gemäldes Ready-made de L’histoire dans Café de Flore aus dem Jahr 1987.

Immerhin waren Café de Flore und andere inkriminierte Werke jeweils mit Echtheitszertifikat und Unterschrift des Malers verkauft worden. Offenbar kann man hier nicht von Fälschungen sprechen, sondern von Werkstattarbeiten, von signierten Kopien, die unter der Aufsicht Immendorffs entstanden – ganz ähnlich wie einige alte Meister in vergangenen Jahrhunderten verfuhren, deren Auftragslage die eigene Schaffenskraft überstieg.

Immendorff war besessen von Affen – eines von vielen Rätseln um diesen Maler.
Immendorffs Affentor erfreut in Bremen die Passanten. (Foto mit Dank an SimonOx auf Flickr)

Immendorff beschäftigte zeitweise zehn Assistenten, die immer mehr Aufgaben übernahmen, weil der Künstler ab 1997 an einer tödlich verlaufenden Nervenerkrankung (ALS) litt, die seine Bewegungsfreiheit nach und nach beeinträchtigte. Oda Jaune, die mit Immendorff von 2000 bis zu seinem Tod verheiratet war, berichtet, dass er mit Pinseln schon ab ca. 2002 nicht mehr wie gewohnt arbeiten konnte (siehe Video unten).

Nicht wenige Kunden erwarben Werke direkt im Atelier und sparten so die Provision des Galeristen. Seriöse Künstler verkaufen eigentlich nicht am Galeristen vorbei, doch bei Barzahlung war es manchem Sammler möglich, eine Arbeit direkt mitzunehmen. Der bereits erwähnte Achenbach, lange Jahre mit Immendorff befreundet und später im Rahmen eines Prozesses gegen Aldi-Erben wegen Betrugs und anderer Delikte rechtskräftig verurteilt, glaubt, dass Immendorff vom „grauen Markt“ um seine Bilder wusste und großzügig Arbeiten seiner Assistenten signierte.

Immendorff – Lieblingsmaler der Bussi-Bussi-Gesellschaft

Durch seine Erkrankung reduzierte sich Immendorffs Anteil an seinen späten Gemälden auf die Beratung und Anweisung seiner Mitarbeiter. Der Chef setzte gegebenenfalls hier und da noch ein paar Pinselstriche und unterschrieb die Echtheitszertifikate. Bei Gerhard Schröders Porträt fürs Kanzleramt konnte der einstige Schüler von Joseph Beuys gar nichts mehr selbst machen.

Eine „kunstdumme Gesellschaft“ habe Immendorff in seinen letzten Lebensjahren empfangen, kommentierte der Maler Daniel Richter (geb. 1962) das Geschehen in der Spätphase des Künstler. Er wurde zum Lieblingskünstler der Schickeria und der Boulevardmedien.

Nachruf auf Immendorff ARD (2007)

Im Atelier gingen Schauspieler, Journalisten und Politiker ein und aus und ließen sich demonstrativ fotografieren. Sie suchten die Nähe zum Künstler. Man sah John Malkovich, Kai Diekmann (damaliger Chefredakteur der Bildzeitung), Veronika Ferres (damals bekannte deutsche Schauspielerin) und den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (der später als Gazprom-Lobbyist und „Laufbursche“ von Wladimir Putin von sich reden machte).

Immendorff, der sich ab 1984 nebenberuflich als Reeperbahnkneipier betätigte, beschäftigte zudem einen ehemaligen Profiboxer als Bodyguard und Chauffeur. Der Künstler genoss offenbar den Duft der Halbwelt in Kombination mit der Aufmerksamkeit seitens bundesrepublikanischer Prominenz.

Gerhard Schröder war ein Fan von Immendorff.
Ein großer Fan von Immendorff: Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aufnahme aus dem Jahr 2005 (Foto mit Dank an J + G + P )

War der Verkauf von Fälschungen oder zumindest minderwertigen Kopien aus dem Atelier ein Akt des Widerstands oder der Subversion gegen die Bussi-Bussi-Gesellschaft, wie Daniel Richter ihm zugute halten möchte? »Wenn er den Bankern, Chefredakteuren und Marketingfiguren tatsächlich nur Kopien verkauft hat, wäre das ja geradezu etwas Linksradikales.«

Posthume Ausstellung mit Werken von Jörg Immendorff bei Suzanne Tarasieve in Paris

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es Jörg Immendorff in diesem Abschnitt seines Lebens ziemlich egal war, ob es wegen der signierten Werkstattarbeiten Klagen und Prozesse, Preiseinbrüche oder Expertenschelte geben würde. Schließlich war er todkrank und wollte noch so lange wie möglich etwas vom Leben haben. Und das kostet nun mal Geld.


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