Heute zählt Édouard Manet (1832–1883) zu den beliebtesten Malern der Moderne. Nur wenige französische Künstler bewiesen einen so treffsicheren Instinkt wie er, wenn es darum ging, der Pariser Gesellschaft spitze Schreie der Empörung zu entlocken. Sein berühmtes Gemälde der Nana zeigt eine Schauspielerin: Henriette Hauser, damals die Geliebte eines Prinzen von Oranien. Sie stand Manet im Herbst 1876 Modell.

Was empörte die Öffentlichkeit damals an diesem heute harmlos wirkenden Bild? Das strahlende Weiß der Unterwäsche kontrastierte mit den schmutzigen Fantasien, die das Bild auslöste. Noch halb an- oder ausgezogen beschäftigt sich Nana mit ihrer Toilette, zeigt sich in einer Pose, die zu signalisieren scheint, dass sie uns bereits erwartet. Nachdem das Gemälde bei der sittenstrengen Jury durchgefallen war und nicht an der Salonausstellung von 1877 teilnehmen durfte, stellte es Manet im Schaufenster eines Nippes-Ladens am Boulevard des Capucines aus.

Nana, 1877. Von Manet, Eduard  Hamburger Kunsthalle.
Édouard Manet, Nana, 1877. Hamburger Kunsthalle.

Dort sorgte es für großes Aufsehen, einige Betrachter sahen sich durch das Bild als Freier denunziert, es kam zu heftigen Protesten – angeblich sah man sich sogar genötigt, die Polizei zur Beschwichtigung des Tumultes einzuschalten. Nach dieser ungewöhnlich gewöhnlichen Präsentation des Bildes verschwand Nana bis zum Tod des Künstlers in dessen Atelier. Man muss sich über Manet wundern, der sich um die Anerkennung seiner Arbeit durch die Pariser Akademie bemühte, sein Bild aber wie eine Jahrmarkt-Attraktion ausstellte und sich damit an das Straßenpublikum wendete.

Manet malte Henriette Hauser einige Male. Möglicherweise war die Nana noch nicht vollendet als er Henriette am Rande eines Schlittschuhvergnügens darstellte. Dieses Mal mit einem Kind an der Hand und abermals mit dem Glanz einer Hauptdarstellerin. Auch dieses Bild verblieb im Atelier und wurde erst im Nachlass des Künstlers gefunden.

Édouard Manet, Au Skating, 1877. Harvard Art Museums
Édouard Manet, Au Skating, 1877. Harvard Art Museums

Manets Vorgehen mit der Nana fand übrigens Nachahmer. Wenig später präsentierte auch Henri Gervex (1852–1929) sein Gemälde Rolla von 1878 im Schaufenster eines Ladengeschäfts. Auch Rolla war bei der Salonjury mit der Begründung durchgefallen, es zeige unmoralische Inhalte. Das Bild beschreibt die Szene aus einem Gedicht Alfred de Mussets, in der sich eine nackte Prostituierte nach getaner Arbeit auf zerwühlten Laken räkelt, während ihr Freier am Fenster steht und die Straßenszene beobachtet. Ansonsten tat sich Gervex nicht weiter hervor und erfreute die Pariser Damenwelt mit gefälligen Porträtausführungen.

Édouard Manet fotografiert von Félix Nadar (etwa 1867–1870)
Édouard Manet fotografiert von Félix Nadar (etwa 1867–1870)

Heute sind einige Details in Manets Gemälde Nana nicht mehr so klar zu verstehen wie damals. So hat der Mann noch seinen Zylinder auf dem Kopf – dies war für die Zeitgenossen Manets ein Hinweis darauf, dass er sich bei einer Dame eingefunden hat, die nicht den allergrößten Respekt verdiente. Ihn malte Manet erst nach der Schauspielerin an den rechten Rand des Gemäldes.

Manet und Zola im Doppelpass

Das Bild trat in einem Wechselspiel mit Emile Zolas Roman Nana auf, der wenig später in Buchform erschien, nachdem er zuvor als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung zu lesen war. Allerdings stellte der Skandal um dieses Buch jenen um die gemalte Nana noch in den Schatten. Als der Fortsetzungsroman in der Presse erschien, musste der schon berühmte Zola wegen des anstößigen Inhalts die Zeitung wechseln.

Der Roman gehörte zu einem 20-bändigen (!) Romanzyklus über die fiktive Familie Rougon-Macquart in Zeiten des Kaiserreichs unter Napoleon III. Möglicher Anstoß für Zolas Interesse, einen Roman mit einer Prostituierten als Hauptfigur zu schreiben, könnte aber ein früheres Bild Edouard Manets gewesen sein. Denn der Maler war zu diesem Zeitpunkt schon ein alter Bekannter in der ungeschriebenen Skandalchronik des 19. Jahrhunderts, hatte er doch einige Jahre zuvor mit seinem berühmt-berüchtigten Frühstück im Grünen von sich reden gemacht.

Das Gemälde hatte er im Salon des Refusés – einer Art Trostausstellung für beim offiziellen Salon abgelehnte Künstler – ausgestellt. Auch hier zeigten sich Napoleon III. und seine Gemahlin Eugenie zutiefst geschockt. Der Kaiser, der den Salon der Zurückgewiesenen hatte einrichten lassen, um die rebellischen Gemüter der Nachwuchskünstler zu besänftigen, die allesamt den Kriterien der offiziellen Jury nicht genügten, wurde damit unabsichtlich zum Paten der modernen Kunst.

Edouard Manet Frühstück im Grünen 1863. Musée d’Orsay.
Edouard Manet Frühstück im Grünen 1863. Musée d’Orsay.

Weit größere Aufregung als Das Frühstück im Grünen erzeugte zwei Jahre später Manets Olympia – das Skandalbild des Salons von 1865. Bis heute ist es das bekannteste Bild von Manet, eine ziemlich weltliche Neuinterpretation von Tizians (um 1490–1576) Venus von Urbino. Es zeigt eindeutig eine Prostituierte in Erwartung eines Freiers, dessen vorausgeschickte Blumen die Dienerin bereits am Bettrand präsentiert.

Manet und seine Olympia

Allerdings schaut die junge Frau nicht auf das Bukett. Sie schaut uns mit einem schwer zu interpretierenden Gesichtsausdruck an, vielleicht professionelle Neugier oder auch herausfordernde Abschätzigkeit, während ihre Katze am Fußende durch ihren Buckel deutlich zeigt, was sie von uns hält. Vielleicht ist es auch die irritierend greifbare Abgeklärtheit gegenüber den Veräußerungszwängen einer Frau einfacher Herkunft, die aus ihrem Gesicht spricht. Bis heute verblüfft das Werk durch die spröde Ausstrahlung, die das nackte Mädchen gleichzeitig abstoßend und verführerisch wirken lässt.

Hier wird Manets großartige Kunst besonders greifbar, die er trotz geringem Erfolg mit viel Selbstbewusstsein entwickelte. Viele seiner Bilder spiegeln die Flüchtigkeit und das Oberflächliche in der modernen Welt wider. Dabei schlug er aber keinen anklagenden Ton an. Er zeigt die Menschen nicht als Gequälte widerer Umstände, sondern mit kühler Distanz und dem gleichen Selbstbewusstsein ausgestattet, mit dem auch er trotz mangelndem Erfolg arbeitete – als Künstler, der die bisher gültigen Regeln der Kunst hinter sich lässt und künstlerisches Neuland erschließt. Dazu gehört auch die Überzeugung, nur von Künstlern oder erst von einem Publikum der Zukunft verstanden zu werden..

In seinen Bildern versucht er gar nicht erst, eine Geschichte zu erzählen, sondern fängt irgendeinen kurzen Moment ein, der so viel Menschliches verraten kann wie ein Roman. Manet sieht sich in der Konkurrenz mit der Fotografie, die damals immer populärer wurde. Den technischen Gegebenheiten der damaligen Zeit entsprechend wirken die Fotos – im Vergleich zu Gemälden von Manet – allerdings steif und unnatürlich.

Manets Malweise sorgte wie viele seiner Motive auch für Aufregung. Helle und dunkle Flächen stoßen unvermittelt aufeinander und eine Modellierung von Zwischentönen ist kaum mehr vorhanden. Manet ging es bei der Malerei trotz sorgfältigster Vorbereitung der Kompositionen mehr um die Spontaneität als um Plastizität. »Man muss die Dinge wie im Fluge erfassen« – so sein Credo. Mit dem Wagemut neugieriger und innovativer Künstler, zu denen sich Manet selbst zählte, behauptete sich die uralte Malerei in der modernen Welt, die mittlerweile von anderen Medien bebildert wurde.

Wenn Manet die Olympia in einer glatten, der Realität entrückten Art gemalt hätte, wie es der damals höchst erfolgreiche Alexandre Cabanel tat – es hätte sicher keine große Aufregung um die Olympia gegeben. So aber wurde selbst die Katze zu Füßen der Nackten kaum als lyrisches Element der Komposition empfunden, sondern steigerte die Vulgarität des Motivs ins Unerträgliche, steht sie doch auch im Französischen als Synonym für das weibliche Geschlecht. Auf Tizians Gemälde schlummert noch ein friedliches Schoßhündchen. 

In einem großen Artikel verteidigte Émile Zola Manet und die Olympia, was zu einer lebenslangen Freundschaft zwischen den beiden führen sollte. Unglücklicherweise behauptete der Schriftsteller in seinem Artikel, es handelte sich bei der Nackten um eine Minderjährige. Jenes Modell, Victorine Meurent (1844-1929), war allerdings bereits Anfang zwanzig, als sie für das Gemälde posierte. Auch auf dem Skandalbild Frühstück im Grünen ist sie unbekleidet beim Picknick mit zwei bekleideten Herren zu sehen, einer davon war Gustave Manet, der Bruder des Künstlers.

Victorine Meurent, ein proletarisches Großstadtkind, war damals Manets bevorzugtes Modell und machte sich ihrerseits Hoffnung, in der Malerei zu reüssieren, allerdings mit noch weit weniger Erfolg als Manet. Sein Frühstück im Grünen verkaufte er erst 1878 für magere 3.000 Francs an den Sänger Faure, den der Maler bereits portraitiert hatte und der zu Manets wenigen Fans gehörte. Die Nana verkaufte sich erst nach Manets Tod bei der Nachlassauktion, zum gleichen Schleuderpreis. Heute kann sich Hamburger Kunsthalle glücklich schätzen, Nana zu beherbergen.

Eine andere spannende Geschichte, die einen Maler mit einer Schauspielerin verbindet und einen Skandal provozierte, allerdings 77 Jahre vorher, liest du hier.

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