Performance und Happening brachen in den 1960er Jahren mit großer Macht als neues Medium der Kunst über die westliche Kulturlandschaft hinein. Zu ihren radikalsten Ausformungen gehörte der Wiener Aktionismus mit Günter Brus, Valie Export und dem hoch umstrittenen Otto Muehl. Sie experimentierten mit den verschiedensten Tonarten der Körpersprache – eine harte Prüfung für Connaisseure der guten, alten Kunst im Rahmen …

Günter Brus beispielsweise ging 1965 als »lebendes Bild« durch Wien – am ganzen Körper weiß bemalt, mit einem schwarzen Strich mitten über Gesicht und Körper. Doch seine Aktivitäten sollten sich im Rahmen des Wiener Aktionismus noch weiter radikalisieren und auf schonungslose Weise körperliche und sexuelle Tabus thematisieren. 

1968 war in vielen Ländern Europas ein unruhiges Jahr, vor allem wegen der studentischen Proteste gegen das Establishment, gegen den Vietnam-Krieg und in Deutschland gegen die personellen und strukturellen Kontinuitäten, die sich aus der Zeit des nationalsozialistischen Regimes bis in die Gegenwart zogen. In diesem Sinn wird auch der Wiener Aktionismus als künstlerische Reflexion auf die Kontinuitäten der Nazidiktatur, den Konservatismus der Gesellschaft und die geerbten Traumata in den Familien interpretiert.

Im Windschatten blutiger Konfrontationen von Studenten und Polizei – in Paris hatte es bei tagelangen Straßenschlachten zahlreiche Tote gegeben – kam es im Frühsommer des Jahres 1968 an der Wiener Universität zu einer außergewöhnlichen Vorlesung und einer politischen Konfrontation, ganz anders als diejenigen, die man bis dahin von den Straßen der europäischen Metropolen kannte.

Die legendäre Wiener "Uni-Ferkelei"
Highlight des Wiener Aktionismus – die legendäre Wiener „Uni-Ferkelei“ (Bild: MUMOK, Wien)

Die Geburtsstunde des Wiener Aktionismus

Zwei Vorträge des Sozialistischen Studentenbundes Österreichs am 7. Juni 1968 bildeten den Auftakt zu der unter dem Titel »Kunst und Revolution« laufenden Veranstaltungsreihe auf dem Campus der Universität. Im Einladungsflugblatt war zu lesen, dass Kunst nur eine Befriedungsmaßnahme für Staatsfeinde sei, um deren revoltierende Kunst in »staatserhaltende Kunst« umzumünzen.

Die legendäre Wiener "Uni-Ferkelei" – Hörsaal 1
Die legendäre Wiener “Uni-Ferkelei” – Hörsaal 1 (Bild: MUMOK, Wien)

Wie man diesem »abgekartetem Spiel« begegnen würde, demonstrierten direkt im Anschluss an die Reden Günter Brus (*1938), Otto Muehl (1925–2013), Oswald „Ossi“ Wiener (*1935) sowie weitere Aktivisten.

Zwischen 300 und 400 Anwesende mussten mit ansehen, wie der »Chefnackerte«, so nannten einige Boulevardblätter Brus, mit seinem Gefolge hereinspazierte und sich mit einem Rasiermesser in Brust und Oberschenkel schnitt, während Otto Muehl eine Hasstirade auf den tags zuvor ermordeten Robert Kennedy (»Ein Gott sei Dank totes Kapitalistenschwein«) in den Raum schmetterte.

Anschließend entleerte sich Brus unter Absingen der österreichischen Nationalhymne, trank den Urin, verschmierte seinen Kot am ganzen Körper und erbrach sich schließlich. Wem das noch nicht reichte, dem bot der Performer anschließend eine Zugabe: Er legte sich aufs Pult und begann zu onanieren, derweil ein vermummter Masochist auf die Bühne kam und sich von Kollege Muehl behandeln ließ.

»Einer mit rotem Bademantel stellt sich vor ihm auf, schwingt einen breiten Ledergürtel und – klatsch, klatsch, klatsch … nach zehn Minuten ist der Rücken des Vermummten blutigrot geschlagen und er selbst glücklich. Weiter geht’s; Allgemeines Notdurftverrichten – groß und klein …«, so der Augenzeugenberichts eines Journalisten, der privat in diese Veranstaltung des Wiener Aktionismus geraten war.

Was heute mit unzähligen Handykameras dokumentiert und in alle Welt gesendet würde, findet sich im Fall des Wiener Aktionismus nur auf ein paar mehr oder weniger brauchbaren Fotos dokumentiert. Bei späteren Inszenierungen wurde mehr Wert auf die Dokumentation gelegt. Das Material verkauft sich zum Teil bis heute gut dotiert im Kunsthandel.

Valie Export und der Aufschwung der Performance-Kunst

Valie EXPORT (geb. 1940), heute eine der wichtigsten Vertreterinnen feministisch orientierter Medienkunst (siehe ihr Œuvre z.B. hier Kunsthalle Baden-Baden), begnügte sich an diesem Abend mit der Rolle als unterstützende Kraft; sie sorgte für die Licht- und Toneffekte auf der Bühne. Im Herbst desselben Jahres machte sie allerdings auf ganz eigene Art auf sich aufmerksam: Sie inszenierte ihre bis heute bekannteste Performance Tapp- und Tastkino.

Hier durften Passanten auf dem Münchner Stachus Auge in Auge mit der Künstlerin für eine halbe Minute an ihren Brüsten herumfingern, die durch ein entsprechendes Gehäuse um ihren Oberkörper und einen Vorhang zugleich verborgen und zugänglich waren. Ihr Kommentar zu den Hintergründen der Aktion: »Die Brutalität dieser Exhibition (ist) ein wirksames Mittel gegen den grassierenden Voyeurismus.«

Wiener Aktionismus auf der Anklagebank

Der Voyeurismus war natürlich auch das, was die eingangs erwähnte infernalische Vorlesung für die Medien so schmackhaft machte. Wochenlang hielten die Blätter die Aufregung hoch und machten damit Auflage. Und die aufstachelnden Artikel über die so genannte „Uni-Ferkelei“ wie z.B. vom Boulevardschreiberling Michael Jeannée (damals beim Wiener Express) blieben nicht folgenlos.

Die Hauptakteure des Wiener Aktionismus wurden festgenommen und bis zur Gerichtsverhandlung in Untersuchungshaft gesteckt. Im Prozess diente ein ehemaliger NS-Arzt (Heinrich Gross), der in der Zeit des Nationalsozialismus an unmenschlichen Versuchen und der Ermordung von Behinderten beteiligt war, als Gerichtspychiater mit.

Der Vollstreckung des Urteils (sechs Monate schwerer Arrest) entzogen sich der spätere Ästhetik-Professor Oswald Wiener (Vater der Fernsehköchin und EU-Abgeordneten Sarah Wiener) und Günter Brus durch die Flucht nach Westberlin. Das war möglich, weil sie wegen überfüllter Gefängnisse zunächst auf freiem Fuß kamen und die Pässe behalten konnten.

Elf Jahre lang lebte Brus zusammen mit seiner Frau und der Tochter in Berlin, bis seine Gefängnisstrafe vom damaligen Bundespräsidenten Kirchschläger in eine Geldstrafe umgewandelt wurde. Brus gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter des Wiener Aktionismus, wandte sich aber schon Anfang der 1970er Jahre wieder der Malerei zu.

Günter Brus’ Inszenierung seiner frühen Selbstbemalung

Der Guru aus dem Weltkrieg

Otto Muehl erhielt vier Wochen Arrest und gründete bald nach der Performance im Hörsaal 1 der Wiener Uni eine sektenartige Kommune, in der er als Oberguru das Sagen hatte und in Abkehr von den traditionellen gesellschaftlichen Verhaltensnormen bizarre Regeln für alle Mitglieder der Kommune verhängte.

Mit den ursprünglichen Intentionen des Wiener Aktionismus, der Strategie des kalkulierten ästhetisch-politischen Skandals, hatte Muehls Welt bald nicht mehr viel zu tun. Seine gelegentlichen Materialaktionen gerieten zu selbstverliebten Shows eines Sektenführers, inklusive Urschreigetöse und phallischem Intimitätsterror.

Die wackeligen Filme wie „Der geile Wotan“ oder „Psychotic Party“ zeigen chaotische, zuweilen pornografische Handlungen mit viel Geringe, Gerammel und Gefummel an Körperöffnungen sowie den gelegentlichen Einsatz von Hilfsmitteln, z.B. Nudelhölzer.

Weihnachszeit 1970: „Falls Sie nicht sicher sind, dass Sie die Darbietungen Muehls ertragen, fordern wir Sie auf, der Veranstaltung fern zu bleiben.” So lädt die „Aktionsgalerie“ in eine alte Brauerei in Bern zur Materialaktion von Otto Muehl ein. Der Chefredakteur der KunstNachrichten und Augenzeuge der Aktion Peter F. Althaus zu den Reaktionen des Publikums: „Praktisch keine. Die Verletzung der Tabus (…) vermag dieses Publikum kaum zu schockieren.“

Die „AAO“, kurz für „Aktionsanalytische Organisation“, residierte zunächst in Wien an der Praterstraße, ab 1972 dann auf dem Friedrichshof im Burgenland. Muehl war damals bereits in seinen späten 40ern und als Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg kein typischer Kommunarde. Auf dem Höhepunkt Anfang der 1980er Jahre lebten auf dem Friedrichshof und in verschiedenen Dependancen zwischen 500 und 600 Mitglieder.

In seiner Sekte herrschte gewissermaßen permanentes Aktionstheater. Die propagierte Utopie der Einheit von Kunst und Leben entwickelte sich in der Kommune zum manipulativen Systemzwang. Die obligatorischen Analysekreise wuchsen sich zum Psychoterror aus. Gleichgeschlechtliche Liebe war verboten, ebenso – trotz der propagierten freien Liebe – Beziehungen außerhalb der Kommune. Abschottung nach außen ging einher mit Machtspielen unter den Mitgliedern. Die Kinder wurden zur Manipulationsmasse. Besonders talentierte und loyale Mitglieder wurden in die Bankenwelt nach Zürich abkommandiert, um Geld für die Kommune heranzuschaffen.

Gegenseitiges Verhaltenstherapieren, Bespitzelungen und ständige sexuelle Verfügbarkeit der weiblichen Mitglieder gehörten ebenso dazu wie ein mittelalterlich anmutendes Herrenrecht Muehls auf den ersten Geschlechtsverkehr mit den heranwachsenden Kindern der Mitglieder.

Dokumentarfilmer Paul Julien Robert war selbst Kind in Muehls Kommune und hat mit “Meine keine Familie” einen sehenswerten Film über seine Sicht auf die Kindheit auf dem Friedrichshof gedreht.

Muehl malte mittelmäßige Bilder, doch seine gehirngewaschenen Jünger suggerierten ihm stets, er sei der Größte. Die Wende zum Erfolg kam mit dem Aufstieg seiner Kommune, die u. a. auch von Joseph Beuys (1921–1986) besucht wurde. Dabei ließ er sich während des gemeinsamen Ringelreihetanzens sogar von einem Kind der Kommune den Hut abziehen – ein seltenes Bild, schien Beuys doch mit seinem Hut verwachsen zu sein, er zeigte sich sonst nie oben ohne.

Muehls künstlerische Spezialität waren schwülstige Aktfotos und -gemälde möglichst junger Mädchen. Der üble Hintergrund dieser Bilder wurde schließlich bekannt, als Sektenaussteigerinnen von Nötigungen und Vergewaltigungen im Kindesalter durch den Guru berichteten. Proteste gegen seine Verhaftung, u.a. unterzeichnet vom Maler Jörg Immendorff, von den Kuratoren Kasper König und Jan Hoet blieben erfolglos.

Otto Muehls peinliche Selbstinszenierung als „Sex-Champion“

Muehl saß nach einem Prozess 1991 für sechseinhalb Jahre im Gefängnis, wobei er die Gelegenheit nutzte, an seinem Malstil zu feilen. Nach der Entlassung wurde er mit dem Riesengemälde Das jüngste Gericht in der Ausstellung Das Jahrhundert der künstlerischen Freiheit in Wien präsentiert und war damit im Kunstbetrieb rehabilitiert. Seine Bilder erzielen bis heute hohe fünfstellige Beträge. Nach der Haft ging er nach Portugal, wo er seine „Kommune“ mit einem Teil seines treuen Gefolges wieder aufleben ließ. Dort lebte er bis zu seinem Tod im Frühjahr 2013.

Wer jetzt zum Ausgleich etwas ganz harmlos Unterhaltsames, aber nicht minder Interessantes über Wiener Kunst und Künstler lesen möchte, dem empfehle ich diesen Beitrag über Hans Makart.

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