Ruangrupa, das Kuratorenteam der anstehenden documenta fifteen (2022), ist ratlos, die documenta-Geschäftsführung dementiert – die Kunstwelt wird zur Zeit mit gefälschten Einladungen zur nächsten documenta irritiert. Ein fieser Scherz? Oder könnte es sich dabei selbst um ein Kunstwerk handeln?

Wir danken allen Künstlern für Ihr Interesse an der documenta. Dennoch weisen wir darauf hin, dass es für die documenta kein Bewerbungsverfahren gibt“ – so steht es warnend auf der offiziellen Website der Weltausstellung.

Ein Blick ins documenta-Archiv zeigt, dass die Warnung angebracht ist, denn dort lagern bereits Tausende von unerwünschten Eigenbewerbungen aus den vergangenen Jahrzehnten. Während sich 1972 noch gut 250 (276) Künstler unaufgefordert und erfolglos um eine documenta-Teilnahme bewarben, waren es zur documenta 7 schon knapp 900 (869), zur documenta 8 fast 1500 (1445). Seitdem liegt die Zahl der Initiativbewerbungen im vierstelligen Bereich, wobei der Postweg die Regel darstellt.

Ruangrupa ruft: Ab nach Kassel! Die documenta fifteen rückt näher. Foto: Christian Saehrendt
Immer noch ein Traumziel des internationalen Kunst-Jet-Sets: Die documenta-Stadt Kassel

Bis heute trudeln weiterhin ungefragt Portfolios, Projektbeschreibungen und Werke in der nordhessischen Metropole ein. Und Google schlägt beim Suchwort „documenta 15“ rasch die Ergänzung „Bewerbung“ vor. Interessierten bleibt aber letztlich nichts anderes übrig, als demütig zu warten, bis der Ruf aus Kassel erschallt.

Ruangrupa ruft: Ab nach Kassel!

In den vergangenen Wochen erhielten einige Glückliche diese Nachricht, unterzeichnet von Mitgliedern des indonesischen Kuratorenteams Ruangrupa. Laut documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann sind die Benachrichtigungen auf den ersten Blick „sehr gut gemacht“.

Real existierende documenta-Kuratoren seien mit Phantasienamen vermischt worden, auch auf die Vitae der angeschriebenen Künstler und einzelne ihrer Projekte werde z. T. geschickt eingegangen. Mindestens 40 Einladungen gingen an internationale Künstler, Kuratoren und Museumsdirektoren auf der ganzen Welt, teilte documenta-Sprecherin Johanna Köhler mit.

Schormann sagte der Süddeutschen Zeitung, es sei zutiefst tragisch, so mit den fälschlich zur Teilnahme aufgeforderten Künstlern und Kuratoren umzugehen: „Wir haben wirklich herzzerreißende Briefe erhalten, in denen die Angeschriebenen ihrer Freude Ausdruck verleihen.“ Den Traumberuf Künstler wollen eben noch immer viele gerne mit einer documenta-Teilnahme versüßen.

Ein Künstlertraum: Ruangrupa ruft mich zur documenta fifteen! Foto: Christian Saehrendt
Ich auf der documenta – das wäre doch zu geil! Wann ruft mich Ruangrupa an?

Viele Betroffene hätten sich bei der documenta gemeldet, um sich zu vergewissern, dass es sich um eine reale Einladung handelt. Bei Ihnen sei die Enttäuschung dann groß gewesen. Durch die E-Mails entstehe vor allem ein emotionaler Schaden, sagte Köhler. Ob derzeit parallel bereits echte Einladungen an Künstler, Kuratoren und Museumsdirektoren verschickt werden, wollte die Sprecherin nicht beantworten. 

Gefälschte Einladungen zur documenta fifteen: ein fieser Scherz?

Wer oder was steckt hinter der Aktion? Sinnfreie Spaßguerilla? Ein enttäuschter Künstler? Ein besessener Troll? Oder handelt es sich um eine politisch-künstlerische Kampagne, vielleicht von einschlägigen PR-Profis wie der „Frankfurter Hauptschule“ oder dem „Zentrum für politische Schönheit“? Der oder die Täter haben offenbar gezielt recherchiert, vor allem in zugänglichen Quellen wie z. B. kuratorischen Statements von Ruangrupa.

In ihren Mails benutzen sie den typischen Kunst-Jargon und gebräuchliche Diskursvokabeln, wie ein deutsches Kunstmarktmagazin feststellte, dessen Autoren ebenfalls zur documenta fifteen „eingeladen“ wurden. Doch auf den zweiten Blick erkenne man, so die langjährige documenta-Kuratorin Andrea Linnenkohl in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen, dass die Täter doch nicht so gut informiert gewesen seien: „Das Konzept und die Lebenshaltung von Ruangrupa haben sie nicht durchdrungen“. 

Um auf eine konkrete Agenda der Täter zu schließen, müsste man ein Muster bei den Betroffenen feststellen, was aufgrund der Dunkelziffer schwer möglich ist. Es wäre zu fragen: Gab es einen regionalen Schwerpunkt bei den Angeschriebenen, eine bestimmte Stilrichtung oder eine Alterskohorte? So könnten bestimmte Künstler und Künstlerinnen gezielt eingeladen worden sein, um aus deren anschließender Brüskierung durch eine ablehnende documenta-Leitung Kapital zu schlagen.

Eine der üblichen Online-Betrugsmaschen scheint hingegen nicht in Frage zu kommen: So wurde den Angeschriebenen keine documenta-Teilnahmegebühr o. ä. in Rechnung gestellt. Mit diesem hinlänglich bekannten Trick wird immer wieder versucht, Künstlern Gebühren für angeblich geplante Gruppenausstellungen oder den Eintrag in fiktive Künstlerverzeichnisse abzuziehen.

Ruangrupa bleibt bislang etwas blass, Im Ruru-Haus, Hauptquartier der documenta fifteen, läuft nicht viel.
Tote Hose im Ruru-Haus

Auch spricht der relative Aufwand der Aktion, für die immerhin einige Künstlerlebensläufe gesichtet wurden, gegen die These eines Einzeltäter-Trolls. Bleibt letztlich eine künstlerische Aktion, eine Art Konzeptkunst als wahrscheinlichstes Szenario. Sollte sich um eine Kunstaktion halten, könnte diese am ehesten ins Genre „Institutionskritik“ fallen.

“Institutionskritik ist hochaktuell und aus den kuratorischen Debatten nicht mehr wegzudenken. Sie dient als Folie für kritische Akteure, um sich im Kunstfeld zu positionieren. Als künstlerische Praxis vielfach untersucht, blieb bisher jedoch ungeklärt: Wie reagieren Kunstinstitutionen und kuratorische Praktiken auf Institutionskritik?”

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5193-5/institutionskritik-im-feld-der-kunst/?c=311000272

Falls die Fake-Einladungsaktion als Institutionskritik geplant worden wäre, zielte sie also auf eine als “elitär” und “autoritär” verstandene documenta-Praxis und somit auf die Macht der Kuratoren. In diesem Fall sei die Machtkritik aber „auf dem Rücken anderer Künstler“ ausgetragen worden und somit – laut Linnenkohl – „fies“, weil die düpierten Künstler dafür benutzt worden wären.

Schlecht für die Gefoppten – doch immerhin bringt der Schwindel wieder Schwung in die documenta fifteen-Vorbereitung. Zuletzt war es hier allzu still geworden. Zwar sollen allerhand Zoom-Konferenzen rund um den Erdball stattgefunden haben, doch im Kasseler „RuRu-Haus“, das den Stadtbewohnern von Ruangrupa als offenes und quirliges Kulturzentrum angekündigt wurde, war – auch schon in Zeiten vor dem Kultur-Lockdown – fast jeden Tag Ruhetag. (zu den Schwierigkeiten, unter Corona-Bedingungen eine documenta vorzubereiten siehe hier).

Ganz zu schweigen von ersten Informationen über geplante documenta fifteen-Projekte in Kassel bzw. anderswo oder gar Listen tatsächlich eingeladener Künstler und Künstlerinnen. Ein bisschen wenig für die bislang teuerste documenta aller Zeiten …

Bisher bleibt das kuratorische Konzept von Ruangrupa etwas farblos – Farid Rakun gibt eine Kostprobe (2019)
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You May Also Like