documenta fifteen – so heißt offiziell die nächste Großausstellung in Kassel. Exakt 24 Monate vor dem geplanten Start der nächsten documenta, stellte das Kuratorenteam Ruangrupa sein Konzept und wesentliche Mitwirkende für das alle fünf Jahre neu aufgelegte Megaprojekt in der nordhessischen Stadt vor. Noch nie war so wenig über eine kommende documenta bekannt. Nun sind die Vorbereitungen wegen Corona ins Stocken geraten. Droht die Verschiebung auf das Jahr 2023?

Leitbegriff ist der indonesische Ausdruck „Lumbung“, der buchstäblich „kollektiv verwaltete Reisscheune“ bedeutet, im übertragenden Sinne aber für gemeinschaftliches, nachhaltiges und verantwortungsvolles Handeln steht.

Das Ruru Haus der documenta fiftieen – das offizielle Hauptquartier im früheren "Sport-Arena" Kaufhaus in Kassel.
documenta fifteen – das Ruru-Haus: offizielles Hauptquartier im früheren “Sport-Arena” Kaufhaus in Kassel.
(Aufnahme während des Corona-Lockdowns im März 2020). Auch im Sommer hatte sich hier noch nichts getan – bis auf die Beschriftung der Scheiben. Bis zum zweiten Lockdown waren vereinzelt Veranstaltungen mit Ruangrupa-Mitgliedern und Kasseler Kulturinitiativen möglich.

Nach dem „Lumbung“-Prinzip sollen in Kassel und weltweit Künstlerkollektive und soziokulturelle Zentren tragende Teile der documenta fifteen werden. Die ersten neun dieser Gruppen wurden bereits nominiert. Sie sollen nach dem Schneeballsystem weitere Gruppen und Institutionen rekrutieren. Selbstorganisation, alternative Ökonomiemodelle und ein lokaler Bezug werden von Ruangrupa als Bedingungen für die Teilnahme formuliert, ganz nach dem eigenen Vorbild ihres „Gudskul“-Kulturzentrums in Jakarta. Als einzige deutsche Einrichtung steht bislang das Berliner „Zentrum für Kunst und Urbanistik“ (ZK/U) fest. 

ruangrupa design ruru haus Kassel documenta fifteen

Das ZK/U, das in der innerstädtischen Peripherie im Moabiter Norden angesiedelt ist, betreibt Stadtteilkulturarbeit, bietet ein breites Spektrum an Veranstaltungen an und schreibt international Künstlerateliers aus.

ZK/U in Berlin-Moabit
Das Ambiente eines tristen Lagerschuppens: Das ZK/U in Moabit

Weitere „Lumbung members“ sind: „Inland“ (Spanien), die Off-Biennale Budapest, das „Trampolin-House“ Kopenhagen, die indonesischen „Jatiwagi Art Factory“ und Gudskul sowie Institutionen aus Mali (Fondation Festival sur le Niger), Palästina (Khalil Sakakini Cultural Center) und Kolumbien (Más Arte Más Acción). Nach intensivem Austausch zwischen ihnen und dem Artistic Team sowie zahlreichen Gesprächen mit den teilnehmenden Organisationen kamen 2020/21 weitere lumbung-member hinzu: Britto Arts Trust (Dhaka, Bangladesch), FAFSWAG (Auckland, Aotearoa), Instituto de Artivismo Hannah Arendt (Havanna, Kuba), Project Art Works (Hastings, Vereinigtes Königreich) und Wajukuu Art Project (Nairobi, Kenia). Ende 2020 musste das Trampoline House, das seit Juni 2020 lumbung-member der documenta fifteen ist, nach 10-jährigem Bestehen dauerhaft schließen, es soll aber als Gruppe weiterhin am Entstehungsprozess der documenta fifteen beteiligt werden. Es ist zu erwarten, dass die konventionelle Kunstproduktion einzelner Künstler und Künstlerinnen, der Kunsthandel und Privatsammler bei dieser documenta eine weniger prominente Rolle spielen, stattdessen könnten interdisziplinäre Künstlerkollektive, Organisationsdebatten und Bildungsarbeit weiten Raum einnehmen.

Nachbarschaftsgarten am ZK/U – Modell für die documenta fifteen?
Foto: Christian Saehrendt 2020
Beliebt in der Nachbarschaft in Nord-Moabit: Urban Gardening als Langzeitprojekt des ZK/U

Das „Ruru-Haus“ als Kernstück der documenta fifteen

Darauf deutet auch die Beschreibung des designierten Kernstücks der documenta, des sogenannten Ruru-Hauses hin. In dem lange leerstehenden früheren Sportartikelkaufhaus an der zentralen Kasseler Einkaufstrasse sollten eigentlich seit Frühjahr 2020 Initiativen rund um die documenta ihre Arbeit vorstellen. Vor allem aber sollten Künstler, Studenten und Aktivisten vor und während der documenta fifteen im Ruru-Haus gemeinsam „Nongkrong“ praktizieren, der indonesische Ausdruck für „abhängen“, „herumgammeln“ oder neudeutsch „chillen“.

documenta fifteen: Chillen als Konzept
vor dem Ruru-Haus in Kassel
Schon vor Beginn der documenta chillen die Kasselaner gerne vor dem Ruru-Haus.

Als die documenta-Findungskommission im vergangenen Jahr bei der Nominierung von Ruangrupa ankündigte, erstmalig den frischgebackenen Kuratoren als „Beirat“ weiterhin zur Seite zu stehen, hatte dies für Aufsehen gesorgt und den Verdacht genährt, dass die Kommission der indonesischen Gruppe doch nicht ganz zutraute, eine documenta zu leiten. Zur Findungskommission, die die Leitung der documenta fifteen bestimmte, gehörten u. a. Charles Esche, Direktor des Van-Abbe-Museums Eindhoven, und Philippe Pirotte, damals Rektor der Frankfurter Städelschule.

Der von ihnen „gefundene“ Ade Darmawan ist Geschäftsführer der Djakarta Kunstbiennale. Pirotte gehörte zum Kuratorenteam der Jakarta-Biennale 2017 und Esche kuratierte die Jakarta-Biennale 2015. So wäscht eine Hand die andere im globalen Kunstbetrieb der Gegenwart. Nunmehr hat Ruangrupa für die eigentliche kuratorische Arbeit ein überwiegend aus Europäern bestehendes „Artistic Team“ aufgestellt, darunter die dänische Kuratorin Frederikke Hansen, die Niederländerin Gertrude Flentge, die Palästinenserin Lara Khaldi sowie zwei Frauen aus Kassel, die der documenta schon lange als Insiderinnen und wichtige Mitwirkende verbunden sind: Die Kunstvermittlerin Ayse Gülec und die Kuratorin Andrea Linnenkohl, letztere rückte aus der zweiten Reihe nunmehr zum „General Coordinator der documenta fifteen“ auf.

In Kassel soll neben dem Ruru-Haus das Museum Fridericianum nach bewährter Art das Zentrum der Schau bilden, den üblichen documenta-Mustern „künstlerischer Interventionen in sozialen Brennpunkten“ folgten auch angekündigte Spielorte in der Kasseler Nordstadt und der östlichen Vorstadt Bettenhausen (etwa das leerstehende Hallenbad Ost, die ehemalige General Electrics Fabrik oder das Kulturzentrum Agathof) sowie in sozialen Einrichtungen und Krankenhäusern. Ob bei dieser documenta überzeugende und künstlerisch wertvolle Werke gezeigt oder produziert werden, bleibt abzuwarten – wie bei jeder documenta sind Prognosen schwerlich möglich, zumal bislang noch keine Teilnehmerliste veröffentlicht wurde (die Einladungen zur documenta, die im Herbst 2020 an Künstler und Kuratoren gemailt wurden, erwiesen sich als anonymer Prank, siehe hier). Der klassische Werkbegriff und hochpreisige Kunstmarktware dürften vermutlich aber keine zentrale Rolle spielen.

documenta fifteen kündigt sich am Ruru-Haus in Kassel an
Noch ist das Ruru-Haus leer und geschlossen, allein die Beschriftung weist auf die documenta fifteen hin.

Möglicherweise ist in Kassel eher das mehr oder weniger produktive kollektive „Abhängen“ angesagt. Hoffentlich wird das Palaver in der Ruru-Reisscheune nicht nur eine exotisch angehauchte Variante vom altbekannten steril-selbstbezüglichen Kunstdiskurs. Hoffen wir lieber, dass das „Nongkrong“ im „Lumbung“ den ebenso intellektuell verkrusteten wie routiniert leerlaufenden Kunstbetrieb inspirieren und entschleunigen kann.

Droht die Verschiebung der documenta fifteen?

Eigentlich müsste derzeit die konkrete Planung der Ausstellung auf Hochtouren laufen, die Kuratoren müssten rund um den Erdball Ateliers besichtigen, während internationale Künstler die Spielstätten in Kassel in Augenschein zu nehmen hätten. Doch behindert die weltweite Lähmung des Kulturbetriebs auch massiv die Vorbereitung der documenta fifteen, wie die Generaldirektorin Sabine Schormann im Herbst 2020 in einem Interview schilderte:

“Hier kann ich nur den Hut ziehen vor der Künstlerischen Leitung und dem Artistic Team, die seit März so gut wie ausschließlich im digitalen Raum unterwegs sind und unendlich viele Zoom-Konferenzen umsetzen, auch digital Ateliers besuchen und mit den „Lumbung-Members“ konferieren. Sie bringen die Themen mit Engelsgeduld, hoher Energie und großer Leidenschaft voran. Aber Sie können sich vorstellen, dass das persönliche Gespräch nicht komplett zu ersetzen ist.”

Generaldirektorin der documenta GmbH Sabine Schormann

Es ist natürlich ein Riesenunterschied, Kunst und Künstler live zu sehen statt digital zu kommunizieren. Und die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler müssten sich ja auch vor Ort und mit den Räumlichkeiten und Menschen in Kassel auseinandersetzen. Schließlich lebt die documenta ja von ortsgebundene Arbeiten und der Mitwirkung Kasseler Bürger und Bürgerinnen. Ohne vor Ort zu sein, können derartige Projekte nur mit viel Phantasie und großem Aufwand vorbereitet werden. Das gilt umso mehr, wenn man aus Übersee kommt und wenig konkrete Vorstellung hat, wie Kassel eigentlich aussieht.

Immerhin sind mit Iswanto Hartono und Reza Afisina seit August 2020 zwei Ruangrupa-Kuratoren mit ihren Familien in Kassel ansässig. Sie sind viel in der Stadt unterwegs, lernen die Atmosphäre kennen und treffen viele Menschen. 

Es bleibt noch ein Zeitfenster bis zum nächsten Sommer 2021, dann soll entschieden werden, ob die Ausstellung notfalls um ein Jahr verschoben wird.

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