Der Diebstahl der Mona Lisa schrieb Geschichte. Und trotz zahlreicher anderer Fälle dieser Art mit schlimmen Folgen für die Werke hat Kunstdiebstahl immer noch die Aura eines Gentlemandelikts: Filme wie Hudson Hawk mit Bruce Willis, The Thomas Crown Affair mit Steve McQueen oder Entrapment mit Sean Connery in den Hauptrollen vermitteln das Bild eines eleganten und kultivierten Meisterdiebs mit erlesenem Geschmack, guten Manieren und einer bestechenden Agenten-Geschmeidigkeit im Überwinden von Mauern und Alarmanlagen. Aber die Realität sieht ganz anders aus und reicht bis in die hohe Politik.

Die meisten Kunstdiebstähle in der realen Welt werden nicht von Gentlemen oder Showkandidaten, sondern von grobschlächtigen Handlangern und mäßig intelligenten Kleinkriminellen verübt, die von den Schlagzeilen über Rekordpreise für Kunstwerke angelockt werden, aber oft nicht wissen, wie sie ihre Beute zu Barem machen können.

Die Auslobung von Belohnungen für Hinweise zur Wiederbeschaffung kann oft schon die Diebesbande sprengen. Zahlreiche Beispiele zeigen, wie unsachgemäß und unprofessionell Kunstdiebe mit ihrer Beute umgehen, wenn sie lediglich »Expertisen« als Einbrecher, Autodiebe oder Straßenräuber aufzuweisen haben. Manchmal werden gestohlene Werke auch panikartig zerstört, um der Strafverfolgung zu entgehen. Aber es gibt eben auch sehr gut organisierte Spezialisten, die im Auftrag von Geschäftsleuten mit vielen ausreichend Ressourcen für lang geplante Aktionen agieren.

Ohne Zweifel hat der brachial durchgeführte Kunstdiebstahl in den letzten Jahren zugenommen. Erst werden Wohnungen, Museen und Geschäftsräume systematisch ausgekundschaftet, in die dann straff organisierte Banden brutal eindringen und innerhalb weniger Minuten die richtig wertvollen Dinge herausholen und weiterzuverwerten. Zuletzt sorgte ein derartiger Einbruch im Dresdner Grünen Gewölbe für Aufsehen. Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten haben aber die meisten Top-Museen wie der Louvre oder das Kunsthistorische Museum in Wien ihre Sicherheitssysteme stark verbessert. 

Mona Lisa: Leonardo da Vinci, La Gioconda (1503-1506), Musée du Louvre
Leonardo da Vinci, La Gioconda (1503-1506), Musée du Louvre

Wie einfach war es dagegen noch vor gut 100 Jahren, Bilder aus dem Louvre zu stehlen! Dem italienischen Anstreicher Vincenzo Peruggia gelang es dort am hellichten Tage, die Mona Lisa verschwinden zu lassen. Peruggia hatte zeitweilig im Louvre eine Anstellung gehabt und war dem Haus eng verbunden geblieben. Man kannte ihn dort, und er kannte sich in den zahlreichen Sälen und Fluren aus.

Unter heute unvorstellbar laxen Sicherheitsvorkehrungen wurden im Louvre die montäglichen Wartungs- und Reinigungsarbeiten durchgeführt, während das Museum für die Öffentlichkeit geschlossen war. Handwerker jedoch gingen ein und aus, Fotografen durften selbstständig Werke für Aufnahmen abhängen, viele Säle waren gänzlich unbewacht.

Peruggia nutzte am 21. August 1911 die morgendliche Personalversammlung, um im menschenleeren Salon Carré die Mona Lisa abzuhängen, Rahmen und Sicherheitsglas im Treppenhaus zurückzulassen und das Gemälde aus dem Gebäude herauszuschmuggeln. Gekleidet in einen Aufseherkittel ließ er sich sogar noch von einem Handwerker eine verschlossene Hoftür öffnen, um ins Freie zu gelangen. Der Klempner hielt ihn für einen Mitarbeiter des Hauses.

Die Mona Lisa – vermisst nur vom Kopisten

Erst nach 28 Stunden wurde der Verlust der Mona Lisa, dem bekanntesten Gemälde von Leonardo da Vinci (1452–1519), bemerkt, allerdings nicht von Mitarbeitern des Museums. Dem Maler Louis Béroud (1852–1930), der zum Kopieren im Louvre erschienen war (siehe sein Gemälde mit der Mona Lisa oben), fiel das Fehlen der schönen Florentinerin mit dem rätselhaften Lächeln auf. Er fragte einen Museumswärter, warum am gewohnten Platz neben einem Gemälde Tizians eine Lücke klaffe. Der äußerte nur dösig die Vermutung, das Bild sei wohl noch beim Fotografen.

Béroud ließ nicht locker und fragte ein weiteres Mal nach dem schon damals überaus populären Bild. Auch der Fotograf konnte nicht mit La Gioconda, wie die Mona Lisa auch genannt wird, dienen, und so schickten die Verantwortlichen endlich Detektive durch die vielen Raumfluchten des Museums, um bei laufendem Betrieb zwischen den Besuchermassen nach dem Gemälde zu suchen. Nach und nach kam die niederschmetternde Wahrheit ans Licht. Das berühmteste Gemälde der Welt, ein nationales Heiligtum Frankreichs, war gestohlen worden.

Profilzeichnung der Isabella d’Este von Leonardo da Vinci
Profilzeichnung der Isabella d’Este von Leonardo da Vinci

Nun wurde die Öffentlichkeit auf die skandalöse Sicherheitslage im Louvre aufmerksam. Für das riesige Gebäude waren zu Öffnungszeiten nur 120 Wachleute zuständig. Nachts ging alle zwei Stunden eine Streife durch das Haus. Tests der Polizei ergaben, dass es ohne größere Mühen möglich war, unbemerkt Gemälde aus dem Museum zu entwenden, und eine nun eilig durchgeführte Inventur ließ erhebliche Lücken im Bestand sichtbar werden.

Die Wellen der Empörung schlugen hoch, die Nervosität auf Seiten der Sicherheitskräfte war groß. Gerüchte machten die Runde: Deutsche Agenten hätten das Bild gestohlen, der amerikanische Sammler John Piermont Morgan stecke hinter dem Coup oder die französische Regierung hätte den Diebstahl selbst inszeniert, um vom eigenen politischen Versagen abzulenken.

Nachdem der Avantgarde-Dichter Guillaume Apollinaire die Verantwortlichen des Louvre in einem Zeitungsartikel kritisiert hatte, wurde er von der Pariser Polizei verhaftet. Sein zeitweiliger Sekretär Géry Pieret war abgetaucht, nachdem er zwei Jahre lang kostbare iberische Büsten aus dem Louvre gestohlen und an Freunde verkauft hatte, darunter auch an Pablo Picasso (1881–1973).

Das Paris Journal, dem Pieret unter Zusicherung von Anonymität eine Woche nach dem Diebstahl der Mona Lisa andere Beute aus dem Louvre verkauft hatte, nutzte dies als Aufmacher für einen Sensationsartikel über die schlechten Sicherheitsvorkehrungen in dem Museum. Während Picasso die Hehlerware eilig dem Blatt übergab und von der Polizei kurz verhört wurde, musste Apollinaire, in dessen Wohnung der Belgier Pieret eine Büste zwischengelagert hatte, mehrere Tage einsitzen. Man beschuldigte ihn, der Kopf einer international operierenden Bande zu sein, die sich zum Ziel gesetzt habe, die Museen Frankreichs auszuplündern. Nach einigen Tagen wurde er unter Auflagen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Alle sachdienlichen Hinweise zum Diebstahl der Mona Lisa und alle ausgesetzten Belohnungen gingen zunächst ins Leere, weil der Täter seine Beute mehr als zwei Jahre lang versteckte, um nicht aufzufallen. Erst im Dezember 1913 wendete sich der Dieb per Brief an den Florentiner Kunsthändler Alfredo Geri und betonte, er wolle aus patriotischen Gründen, wenigstens dieses eine italienische Meisterwerk aus Paris in sein Heimatland zurückgebracht sehen. Der Louvre sei voll mit Werken, die Napoleon Italien geraubt habe, und die Aneignung der Mona Lisa sei nur eine kleine Kompensation für dieses historische Unrecht.

Mona Lisa gestohlen
Die leere Stelle an der Wand im Louvre 

Der Kunsthändler ging darauf ein, benachrichtigte aber die Polizei, die Peruggia zusammen mit der Mona Lisa fassen konnte. Auch bei den polizeilichen Vernehmungen und Gerichtsverhandlungen betonte Peruggia seine patriotische Motivation – ohne zu wissen, dass das Werk keinesfalls von Napoleon geraubt, sondern schon zu da Vincis Lebzeiten an seinen Gönner, den französischen König Franz I., verkauft worden war. Trotzdem feierten ihn nationalistische Kreise Italiens als Helden. Entsprechend milde fiel das Urteil in zweiter Instanz aus: sieben Monate Haft.

Hatte Vincenzo Peruggia einen Auftraggeber?

Neuere Forschungen haben in den letzten Jahren ergeben, dass Peruggia möglicherweise nicht nur aus uneigennützigen patriotischen Motiven gehandelt haben könnte. Demnach sei er von einem argentinischen Auftraggeber, Eduardo de Valfierno, angeheuert worden. Dieser plante, sechs Kopien vom Original herstellen zu lassen, um sie anschließend parallel reichen Sammlern als »Original« zu verkaufen, die natürlich um den Diebstahl wussten und daher über den Kauf stillschweigen würden. 

Trotz des glücklichen Ausgangs des Mona Lisa-Diebstahls hat dieser spektakuläre Fall Frankreich schwer erschüttert. Die Sicherheitssysteme des Louvre wurden stark verbessert. Doch bei der Größe der Sammlung mit über 30.000 Exponaten, den vielen Nischen und dem ungeheuren Besucheransturm ist eine vollständige Kontrolle kaum möglich. Deshalb kommt es bis heute immer wieder zu dramatischen Vorfällen. Im Juli 1994 schnitten Unbekannte während der Öffnungszeiten ein Werk von Robert Nanteuil (1623–1678) aus dem Rahmen und verschwanden in der Menge – an diesem Sonntag zählte man 27.000 Museumsbesucher.

Mona Lisa Massenansturm im Louvre
Die tägliche Belagerung eines Kunstwerks – nach zwei Anschlägen in den 1950er Jahren wird die Mona Lisa hinter Panzerglas präsentiert.

Ein anderer Diebstahl im Jahr 1998 wurde schneller bemerkt, und die Polizei ordnete die sofortige Schließung des gesamten Hauses an. Tausende von Besuchern wurden in der Eingangshalle zusammengedrängt, festgehalten und mussten sich stundenlang zur individuellen Kontrolle anstellen. Viele verpassten ihre Züge oder Flüge. Etwa 20.000 Besucher befanden sich an diesem eintrittsfreien Sonntag im Museum. Jean-Baptiste Camille Corots (1796–1875) kleines Gemälde Weg nach Sèvres. Blick auf Paris blieb trotzdem bis heute unauffindbar.

Camille Corot, Weg nach Paris, gemalt 1865. Vermisst seit dem Diebstahl aus dem Louvre am 3. Mai 1998
Camille Corot, Weg nach Paris, gemalt 1865. Vermisst seit dem Diebstahl aus dem Louvre am 3. Mai 1998

Die Mona Lisa hingegen ist jetzt eines der am besten gesicherten Gemälde der Welt. Sofern es sich bei dem Werk hinter der riesigen Panzerglaswand im Louvre tatsächlich um das Original handelt, dürften ihm nur noch der Schweiß der Besucherströme, das Blitzlicht der Kameras und die heftigen Temperaturschwankungen im schwer zu klimatisierenden Gebäude des Louvre gefährlich werden – von kriegerischen Auseinandersetzungen einmal abgesehen.

Ein Altar für die Kunst – so wird die Mona Lisa seit 2019 präsentiert.
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