Joseph Beuys war stets ein politisch interessierter Künstler. Das Thema Rüstung und Weltfrieden hat ihn, wie auch viele andere Zeitgenossen im Kalten Krieg stark bewegt. Beuys engagierte sich in der Partei „Die Grünen“ und war auch sonst gegenüber Friedensbewegten Initiativen offen. Dem Schweizer Künstler Ueli Fuchser gelang es 1984, Beuys für sein Mail-Art-Projekt „Global Art Fusion” zu engagieren. Die Grundidee: Ein Fax geht in drei Stationen um die Welt, jeder beteiligte Künstler steuert etwas zu dem Kunstwerk auf Papier bei.

Zeichnung von  Beuys „Der Stein der Weisen“
Faksimile des Global Art Fusion Faxes. Links die Zeichnung von Beuys „Der Stein der Weisen“

Neben Beuys machten Andy Warhol und Kaii Higashiyama mit. Am 12. Januar 1985 Punkt 12.00 Uhr startete die Aktion in einem prächtigen Saal im Wiener Palais Liechtenstein (Museum moderner Kunst) mit einem Anruf bei Beuys, der die Zeichnung „Der Stein der Weisen“ an Warhol faxte, welche dieser um ein Friedenszeichen ergänzte und nach Tokio weiterschickte, wo Kaii Higashiyama den dritten Teil zu diesem Mail-Art-Werk beisteuerte – den Satz „Sogar Unkraut besitzt das kostbare Geschenk des Lebens“ in japanischen Lettern – und es zu Beuys nach Düsseldorf zurücksandte: In 32 Minuten rund um die Welt.

Beuys jagt Bild um den Erdball – Das Projekt Global Art Fusion von Ueli Fuchser. Katalog und Fotos der Aktion.
Materialien zur Global Art Fusion von Ueli Fuchser.

Kingkunst sprach mit Fuchser über sein Projekt und die Begegnung mit Beuys.

Das Projekt Global Art Fusion nahm seinen Anfang in der Schweiz

Kingkunst: Am 12. Januar 1985 organisierten Sie die Aktion Global Art Fusion mit Joseph Beuys, Andy Warhol, Kaii Higashiyama im Museum moderner Kunst (Palais Liechtenstein) Wien. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass sich Künstler rund um den Globus per Fax die Hände reichen und damit ein Gemeinschaftskunstwerk erschaffen können?

Ueli Fuchser: Es gab kein bestimmtes Ereignis das mich inspirierte. Faxgeräte waren damals das non plus Ultra für Technikinteressierte. Als kreativ Denkender fragte ich mich unweigerlich, was könnte man ausser der kommerziellen Nutzung sonst noch mit so einer Maschine bewerkstelligen? 

Kingkunst: Was hatte ein gefaxtes Gemeinschaftskunstwerk mit dem Thema „Weltfrieden“ zu tun? Stand die Friedensthematik am Anfang von Global Art Fusion oder kam sie später dazu?

Ueli Fuchser: In dieser Zeit verschickte ich leidenschaftlich Mail-Art-Arbeiten an Gleichgesinnte. Es war das Jahrzehnt der grossen Friedens-Demos. Auch Mail-Art befasste sich oft mit dem Thema Frieden. Es herrschte Kalter Krieg. Und das legendäre Rote Telefon (eine ständige Fernschreiberverbindung zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten) war eigentlich auch eine Art Faxgerät …

Beuys jagt Bild um den Erdball – Das Projekt Global Art Fusion von Ueli Fuchser. Materialien zur Aktion.
Materialien zur Global Art Fusion. Im Vordergrund rechts sieht man Ueli Fuchser den Anruf bei Beuys tätigen, womit die Aktion begann. Links die Hand von Beuys, die auf seine Zeichnung deutet.

Kingkunst: Wie kamen Sie auf die Auswahl von Beuys, Warhol und Higashiyama? Hatten Sie anfänglich auch andere Kandidaten im Blick?

Ueli Fuchser: Joseph Beuys war in jener Zeit in aller Munde. Unbestritten Nr. 1 in Europa. Genauso war Andy Warhol der Top-Kandidat für Amerika. Bei der Frage, wer ist der dritte Mann wird es etwas komplizierter. 

Beuys jagt Bild um den Erdball – Das Projekt Global Art Fusion von Ueli Fuchser. Blick in den Katalog.
Beim Blättern durch Ueli Fuchsers Katalog von Global Art Fusion sieht man ein Foto von Andy Warhol mit dem Peace-Zeichen.

Kingkunst: Alle drei Künstler stammten aus dem Westen: Warhol stand für die Supermacht USA, Beuys und Higashiyama für die ehemaligen verbündeten Achsenmächte, die nun Vasallen der USA waren. Wäre es für ein Friedensprojekt wie Global Art Fusion nicht wichtig gewesen, auch Künstler aus dem Ostblock oder den Blockfreien Staaten zu beteiligen?

Ueli Fuchser: Die Sowjetunion war damals für normal Sterbliche unerreichbar. Einen künstlerischen Repräsentanten dieser Region hätte ich mittels Behörde suchen müssen. Das Resultat, da bin ich mir sicher, wäre nicht zufriedenstellend ausgefallen. Ilya Kabakow hatte seine erste Ausstellung im Westen erst Ende 1985 in der Berner Kunsthalle. China war noch verschlossener. So rutschte ich auf der Weltkarte weiter – nach Japan. 

Japan war vor 35 Jahren noch sehr weit weg … auch im Bereich zeitgenössische (moderne) Kunst. Google gab es noch nicht. So besuchte ich in Bern die japanische Botschaft und fragte etwas naiv, schüchtern: „Gibt es in ihrem Land einen Künstler mit dem selben Stellenwert wie bei uns Picasso?” Ohne Zögern kam die Antwort: „Aber Herr Fuchser – Kaii Higashiyama sollten sie doch kennen, der ist eigentlich auch in Deutschland anerkannt. Wir denken, Herr Higashiyama ist so arriviert, dass er sich wohl kaum für so eine Aktion begeistern wird”. Da japanische Menschen sehr freundlich sind, gaben sie mir dennoch seine Postanschrift...

… heute muss ich leider eingestehen, dass bei mir 1984 keine Frau zur Diskussion stand. Weitere Kandidaten hatte ich auch nicht. Ich war bedacht, drei gleichwertige Teilnehmer zu vereinen. Hätte einer abgesagt, hätte es die Aktion nicht gegeben.

Beuys und Warhol hatten sich 1979 schon persönlich kennengelernt.

Kingkunst: Sie reisten nach Düsseldorf, um Joseph Beuys persönlich zu treffen – und nahmen den Umweg über Hamburg, wo am Vorabend die Eröffnungsparty vom “La Paloma“, der Künstlerkneipe Jörg Immendorffs stattfand. Diese befand sich am Hans-Albers-Platz, mitten im Amüsierviertel rund um die Reeperbahn. Welches Publikum war anwesend? 

Ueli Fuchser: Erinnere ich mich richtig, sehe ich da A.R. Penck, die Gemahlin vom Bürgermeister … sehr deutlich sehe ich noch die selbstbewusste, kommunikative Frau Domenica … jede Menge Künstlerkollegen von Immendorff. Da es so brechend voll war, war das Betrinken schwierig, man kam kaum bis an die Theke.

Kingkunst: Dann waren Sie wohl zum Glück nicht so verkatert – denn am Morgen danach stand um 10:00 Uhr das Rendezvous mit Joseph Beuys in Düsseldorf an. Wie haben Sie ihn überzeugt, mitzumachen? 

Ueli Fuchser: Bei Joseph Beuys verlief alles sehr harmonisch. Er machte den Eindruck als hätte er Zeit, war interessiert. Wusste nicht so genau was ein Faxgerät ist und kann. Versicherte ihm, dass er sich in keiner Weise um die Technik, die Bedienung kümmern müsste. Mit dem Gerät käme auch ein Techniker. Was mich in seinem Atelier beeindruckte, war ein gewaltiger Stapel ungeöffneter Post. Briefe mit Absendern renommierter Museen und Galerien. Zum Schluss sagte er spontan: „Ja, ich mache mit!“                                                 

Postskriptum von Kingkunst: Es war naheliegend gewesen, dass Fuchser Beuys für seine Global-Art-Fusion kontaktierte, denn Beuys hatte sich schon in den Jahren davor für Abrüstung engagiert – unter anderem als Pop-Sänger mit dem Kult-Song „Sonne statt Reagan“.

Beuys sang das Lied anlässlich der gigantischen Friedensdemonstration, die im Juni 1982 auf den Rheinwiesen bei Bonn mit einer halben Million Teilnehmer stattgefunden hatte. Es ging gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Anwesenheit des US-amerikanischen Präsident Reagan beim gleichzeitig stattfindenden Nato-Gipfel in der westdeutschen Hauptstadt.

Am 3. Juli 1982 wurde der Song mit Beuys’ Auftritt in der ARD-Musiksendung Bananas bekannt, Bandmitglieder von BAP begleiteten ihn. Der Text war von dem Werbetexter Alaine Thomé verfasst worden, die Musik stammte vom BAP-Gitaristen und Songwriter Klaus Heuser. Die Grünen hatten den Protestsong in Auftrag gegeben. Nicht alle waren begeistert, am wenigsten BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, der offenbar nicht eingeweiht war:

„Irgendwann schalte ich den Fernseher ein, um die Sendung Bananas anzugucken, und sehe da unseren Gitarristen, unseren Bassisten, unseren damaligen Percussion-Spieler, zwei Chordamen, von denen eine Ina Deter war und die andere die Ex-Freundin unseres Gitarristen. Wolf Maahn war offensichtlich der Bandleader dieser Geschichte. Und Joseph Beuys stand da und sang diesen grottenschlechten Text.“ 

https://deutschelieder.wordpress.com/2013/03/04/joseph-beuys-sonne-statt-reagan/
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