Die documenta lockte bislang alle fünf Jahre Hunderttausende von Kunsttouristen nach Kassel (und an wechselnde documenta-Außenstellen). Bei der documenta fifteen ist Einiges anders. Statt der Massen werden vielleicht nur wenige vor Ort sein, viele dagegen online zugeschaltet. Und erstmals soll die weithin unbekannte östliche Kasseler Vorstadt Bettenhausen documenta-Standort werden. Denn die neuen documenta-Kuratoren haben ein Herz für Lokalkolorit und Soziokultur.

Ein wichtiger Grund für die bisherige Erfolgsgeschichte der documenta liegt in der Wandelbarkeit der Ausstellung: Jede documenta wird von einem anderen Chefkurator, wird einem anderen Leitungsteam verantwortet, jede documenta unterscheidet sich von ihren Vorgänger-Ausstellungen, reagiert auf Kritik, korrigiert Übertreibungen und Fehlentwicklungen, spürt neuen Trends im globalen Kunstbetrieb nach.

Die wechselnde Führung hat bisher verhindert, dass sich Routine und Filz, Seilschaften und institutionelle Verkrustungen bilden konnten. Doch 2017 schien die Erfolgsstory am Ende zu sein. Die größenwahnsinnige Verdoppelung der Ausstellung auf zwei Standorte in Kassel und Athen brachte die documenta GmbH an den Rand des Zusammenbruchs. Vor diesem Hintergrund war die Wahl des künstlerischen Leiter der kommenden documenta mit Spannung erwartet worden – in Kassel, wie auch in der bundesweiten und internationalen Kunstszene.

Viele stellten sich dabei die Frage: Wie wird man eigentlich documenta-Chef oder -chefin? Immerhin handelt es sich um einen anspruchsvollen Job, um eine Tätigkeit, die gut drei Jahre andauert und mehrere Hunderttausend Euro Verdienst einbringt. documenta-Chefkuratoren sollten nicht nur leistungsstarke und kommunikative Organisatoren sein, sondern auch Philosophen und Gegenwartsdiagnostiker. Nervenstärke und Kritik-Resistenz gehören ebenfalls zu den Schlüsselqualifikationen.

Und einen gewissen Unterhaltungswert inklusive Sympathiebonus sollten sie auch noch haben, denn sie werden zum Gesicht, werden zur Gallionsfigur einer komplexen, überbordenden und unübersichtlichen Schau. Deshalb galt die Suche bislang einer möglichst „genialen“ Einzelperson, die dann ein Team um sich versammelt. Dafür hat sich ein spezielles Bewerbungsverfahren etabliert. Eigenbewerbungen sind nicht erwünscht. Man wird gefunden von einer Findungskommission.

Doch zuallererst müssen die Mitglieder der Findungskommission gefunden werden, d. h. internationale Experten, die einen guten Überblick über das weltweite Kunstgeschehen haben und in der Lage sind, kompetente Kuratoren zu finden. Die Endauswahl potentieller documenta-Leiter findet unter konspirativen Bedingungen statt, die Kandidaten wohnen unter Pseudonym in verschiedenen Hotels, der Tagungsort wird geheimgehalten. Schließlich ist die Leitung einer documenta für Kuratoren eine Karrierestation, die nicht mehr zu übertreffen ist – wie für einen katholischen Geistlichen die Papstwürde. 

documenta fifteen wird vom Kollektiv Ruangrupa geleitet

Die Bekanntgabe der künstlerischen Leitung für die documenta fifteen im Februar 2019 durfte als mittlere Sensation gelten: Erstmals übernimmt ein Kollektiv von Künstlern, Kuratoren und Journalisten das Kommando in Kassel. Farid Rakun und Ade Darmawan stellten sich als Sprecher der indonesischen Gruppe „ruangrupa“ in Kassel den Fragen der Öffentlichkeit.

Sie kündigten an, eine „global ausgerichtete, kooperative und interdisziplinäre Kulturplattform“ zu schaffen, wobei Kassel als Schwerpunktstandort dienen soll. Im Mittelpunkt ihres Ansatzes stehen Bildung, internationale Vernetzung, kommunales Engagement. Thematisch dominieren soll die Auseinandersetzung mit „Kolonialismus, Kapitalismus und patriarchalischen Strukturen“. Die Kerngruppe besteht aus etwa zehn gleichberechtigten Künstlern und Künstlerinnen, als Direktor fungiert Ade Darmawan.

Weitere Mitglieder sind Reza Afisina, Indra Ameng, Farid Rakun, Daniella Fitria Praptono, Iswanto Hartono, Ajeng Nurul Aini, Julia Sarisetiati und Mirwan Andan. Die Gruppe betreibt zahlreiche Projekte wie ARTLAB, die RURU Gallery, das Online-Journal Karbon, RURUradio sowie Kunstfestivals wie Jakarta 32°C und OK. Video.

Der Versuch der documenta, es mit einer kollektiven Führung zu versuchen, ist riskant, aber zu begrüßen. Zumal die Kasseler Weltausstellung damit einmal einen wichtigen außereuropäischen Impuls erhält (Indonesien ist ein großes muslimisches Land mit einer jungen Bevölkerung). Doch birgt der Neubeginn auch Probleme.

Ruruhaus März 2021. Foto: Christian Saehrendt
Ruruhaus verwaist im Lockdown März 2021

Wird eine zehnköpfige Gruppe effektive künstlerische und kuratorische Entscheidungen treffen können, und dies unter Zeitdruck, unter Beachtung von Budgetgrenzen, unberechenbaren staatlichen Corona-Massnahmen und sonstigen Sachzwängen? Bis zum Frühjahr 2021 sicherten sich Ruangrupa die Unterstützung durch 14 weitere Gruppen und Kunstkollektive, die nach dem Schnellballprinzip Aktionen und Mitwirkende für die documenta fifteen auswählen sollen. Bis zum April 2021 stand noch keine Liste der nominierten Künstler und Künstlerinnen fest – die Einladungen, die im Herbst 2020 kurierten, erwiesen sich als Fälschungen, Näheres dazu hier.

Zur Findungskommission, die die Leitung der documenta fifteen bestimmte, gehörten Ute Meta Bauer, Gründungsdirektorin des Centre for Contemporary Art Singapur, Charles Esche, Direktor des Van Abbemuseum, Eindhoven, Amar Kanwar, indischer Dokumentarfilmer und Künstler, Frances Morris, Direktorin der Tate Modern, Gabi Ngcobo, Kuratorin der 10. Berlin Biennale 2018, Elvira Dyangani Ose, Kuratorin Creative Time in New York, Jochen Volz, Direktor der Pinacoteca do Estado in Sao Paulo und Philippe Pirotte, Rektor der Frankfurter Städelschule und langjähriger Direktor der Berner Kunsthalle. 

documenta in Kassel: Weltkunst in der Provinz. Geht das gut? Moderatorin Anja Backhaus im Gespräch mit Christian Saehrendt

Mittlerweile haben Ruangrupa schon einige Vorbereitungen für ihre documenta getroffen (z. B. das Corporate Design, siehe hier) , wenngleich das gemeinsame Abhängen mit Künstlern, Künstlerinnen und Kunstinteressierten bisher Corona-bedingt fast nur online stattfinden konnte, und eine Verschiebung der Schau diskutiert wird. Ob nächstes oder übernächstes Jahr – bei der nächsten documenta soll erstmals der östliche Vorort Bettenhausen zum wichtigen Ausstellungsort und Treffpunkt werden. Auch dortige soziale und soziokulturelle Einrichtungen werden in das Netzwerk von Ruangrupa einbezogen werden. Im Folgenden geben wir einige Impressionen aus Bettenhausen wieder.

Die documenta fifteen entdeckt Bettenhausen

Lost places in Kassel: Industriebrache in Bettenhausen. Foto: Christian Saehrendt
Bettenhausen, ein ehemaliges Arbeiterviertel (und heute ein sozial wenig privilegierter Stadtteil) bietet zahlreiche Industriebrachen, die nur darauf warten, von Kunstwerken und Aktionen bespielt zu werden. Ruangrupa hat ein Auge darauf geworfen. Hier Ansicht des alten Raiffeisenspeichers nahe des Sandershaus, einem Hostel und soziolkulturellen Zentrum .
Lost places in Kassel: Industriebrache in Bettenhausen. Foto: Christian Saehrendt
Das Areal des Fabrik Salzmann in Kassel-Bettenhausen, wo sich schon einmal ein Kulturzentrum befand, heute eine Industrieruine.
Das Gelände der Firma Hübner in Bettenhausen soll 2022 für die documenta geräumt werden.
Das Sandershaus in Bettenhausen.
Das Sandershaus in Bettenhausen.
Hallenbad Ost, Kassel-Bettenhausen. Foto: Christian Saehrendt
Das Baudenkmal “Hallenbad Ost” in Kassel-Bettenhausen. Auch dieses Areal ist als documenta-Spielort bzw. Gastronomiezone vorgesehen.
Das Kulturzentrum Agathof in Kassel-Bettenhausen. Foto: Christian Saehrendt 2021.
Das Kulturzentrum Agathof in Kassel-Bettenhausen. Stadtteiltreff für Senioren und Familien
Direkt neben dem Stadtteilzentrum Agathof befindet sich ein Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg (als Bauernhaus bzw. Scheune getarnt), der seitens der Stadt Kassel zu einem Kulturzentrum ausgebaut werden soll. Auch die documenta hat Interesse signalisiert. Foto: Christian Saehrendt
Direkt neben dem Stadtteilzentrum Agathof befindet sich ein Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg (als Bauernhaus bzw. Scheune getarnt), der seitens der Stadt Kassel zu einem Kulturzentrum ausgebaut werden soll. Auch die documenta hat Interesse signalisiert.


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