Arno Breker (1900–1991) hatte an der Düsseldorfer Akademie Bildhauerei studiert und gehörte in den 1920er Jahren zum Kreis aufstrebender moderner Künstler. Eine Weile machte er Lou Straus-Ernst den Hof, die Ex-Frau von Max Ernst und eine angesehene Kunstkritikerin aus jüdischem Elternhaus. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre erhielt er bereits erste Aufträge für Freiplastiken und 1927 übersiedelte er wie viele Künstler seiner Generation nach Paris, dem Zentrum avantgardistischer Kunstströmungen.

Arno Breker wurde schon direkt nach dem Studium mit Aufträgen bedacht. Hier die monumentale Dachfigur Aurora für den Ehrenhof des Museums Kunstpalast in Düsseldorf. Die aus Muschelkalkstein gehauene Skulptur stammt aus dem Jahr 1926. (Bild mit Dank an Raimond Spekking auf Wikimedia)

Seine frühen Skulpturen zeigen deutlich den Einfluss moderner Bildhauerei und suchen nach abstrahierender Vereinfachung. In Paris nahm ihn der Galerist Alfred Flechtheim in sein Programm auf, um dessen Porträtbüsten an deutsche Museen zu vermittelten. Sein unbestrittenes Talent führte zu weiteren öffentlichen Aufträgen wie etwa dem Röntgen-Denkmal in Remscheid.

Auftragsarbeit des Präsidiums der Rheinisch-Westfälischen Röntgengesellschaft und finanziert durch Spenden: Genius des Lichts, das Denkmal für Wilhelm Conrad Röntgen von Arno Breker, enthüllt im November 1930. Standort: Thüringsberg in Remscheid-Lennep (Bild mit Dank an Frank Vincentz auf Wikimedia)

1932 gewann Breker den renommierten Rompreis der Preußischen Akademie der Künste. In der Villa Massimo, der Residenz für die ausgezeichneten Stipendiaten, lebte er bis in den Sommer 1933. Im Mai besuchte ihn niemand Geringeres als Joseph Goebbels, damals frisch gebackener Reichspropagandaminister, auf seinem Antrittsbesuch in Rom. Goebbels gab dem Künstler die Empfehlung, nach Berlin zu kommen. Dort würden ihn große Aufgaben erwarten.

Arno Breker als Staatskünstler des „Dritten Reichs“

Bald nach dem Regierungsantritt Hitlers kehrte Breker also nach Deutschland zurück. Und es sollte nicht lange dauern, bis der Bildhauer seinen Stil dem Geschmack der führenden Nazis anpasste. Ab 1935 ist sein archaisierender Stil bereits einem so dramatischen wie idealisierenden Naturalismus gewichen, den der Kunsthistoriker Max Imdahl später als „Bodybuilding-Idealität“ bezeichnete.

Arno Breker, "Zehnkämpfer" 1936. Foto: Christian Saehrendt
Arno Brekers Zehnkämpfer, 1936. In der Ausstellung Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler.

Seine männlichen Figuren strotzen vor Kraft, während sich seine weiblichen in ruhigeren, gezierten Bewegungen und mit glatter Oberfläche präsentieren. Wiederum über Goebbels gewann er die Aufmerksamkeit Hitlers, der ihm von 1938 bis Kriegsende eine Flut von Aufträgen mit dem Gesamtvolumen von 27 Millionen Reichsmark bescherte.

Das Berliner Atelier Brekers 1940. Abbildung im „Illustrierten Beobachter“, November 1940

Breker erhielt Professorentitel, ein Staatsatelier (das heutige Kunsthaus Dahlem) und einen repräsentativen Wohnsitz in Berlin. Zu seinem 40. Geburtstag schenkte ihm Hitler ein Schloss in der Nähe der Hauptstadt. Der „Michelangelo des Dritten Reichs“ – eine Formulierung, die dem innovativen Renaissancekünstler großes Unrecht tut und einzig in der gemeinsamen Vorliebe für muskulöse Männer Halt findet – hatte buchstäblich einen direkten Draht zu Hitler. Wenn auf jemand der Begriff des „Staatskünstlers“ zutrifft, dann nicht nur auf Jaques-Louis David oder Surab Zereteli, sondern in perfekter Weise auch auf Arno Breker.

Ganz vorne mit dabei: Arno Breker, rechts neben Adolf Hitler, beim Spaziergang durch das von den Nazis besetzte Paris, 1940

Eine Telefonleitung führte von seinem Atelier ins Führerhauptquartier. Zur Versorgung mit den riesigen Steinen wurden selbstverständlich auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Im Mai 1942 fand auf Einladung der Vichy-Regierung eine große Arno Breker-Ausstellung in der Orangerie im besetzten Paris statt – dort, wo die künstlerische Avantgarde unter dem Besatzungsregime litt, sofern sie noch nicht nach New York emigriert war. Dennoch wurde der Oberkünstler des NS-Regimes nach dem Krieg nur als „Mitläufer“ eingestuft und blieb bis auf eine Geldstrafe von 100 Mark unbehelligt.

Den Schweizer Bildhauer Gregor Frehner inspirierte der Besuch des Kunsthauses Dahlem zu einer architektonischen Plastik: Er verdoppelte Brekers Atelier modellhaft und stellte es dem Atelier Josef Thoraks, des zweiten großen Staatskünstlers des "Dritten Reichs", gegenüber. Betonguss, Winterthur 2020.
Den Schweizer Bildhauer Gregor Frehner inspirierte der Besuch des Kunsthauses Dahlem zu einer architektonischen Plastik: Er verdoppelte Brekers Atelier modellhaft und stellte es dem Atelier Josef Thoraks, des zweiten großen Staatskünstlers des „Dritten Reichs“, gegenüber. Betonguss, Winterthur 2020.

Arno Breker gab sich als vollkommen unpolitischer Künstler aus, der sich sogar für Verfolgte und für andere Künstler eingesetzt habe. So behauptete er auch, Pablo Picasso im besetzten Paris vor der Verhaftung durch die Gestapo bewahrt zu haben. Diese Aussage machte er allerdings, nachdem Picasso gestorben war und nicht mehr widersprechen konnte. Gleichwohl gibt es eine Reihe von Aussagen zugunsten des Staatsbildhauers, gemacht von Verfolgten des Naziregimes, für die sich der Künstler tatsächlich verwendet hatte.

Als Dina Vierny (1919–2009), die angebetete Muse des bereits greisen Bildhauers Aristide Maillol (1861–1944), dem einstigen Vorbild Brekers, im Jahr 1943 inhaftiert wurde und der Jüdin die Deportation ins Konzentrationslager drohte, bat Maillol seinen einflussreichen Freund um Hilfe. Breker erwirkte Viernys Freilassung, aber nicht ohne Gegenleistung: Eine Porträtbüste von Maillol war der Preis. Tatsächlich hatte Breker aufgrund seiner privilegierten Position die Möglichkeit, Menschen vor der Gestapo zu bewahren.

»Ich hatte eine Reihe von Angeboten aus dem Ausland. Als der Krieg aus war, habe ich sofort Einladungen von Perón, Franco und Stalin erhalten.«

Arno Breker

Arno Brekers jüngerer Bruder Hans, ebenfalls Bildhauer, zog die Konsequenz aus der Geschichte und änderte den belastenden Nachnamen in „von Breek“. Arno blieb dabei: „Breker“ betrachtete er als ein erfolgreiches Markenzeichen, das man nicht ohne Not wechseln sollte. Und tatsächlich: An Angeboten fehlte es dem Bildhauer auch nach dem Krieg nicht. Gerade bei Diktatoren hatte sein Name einen hohen Stellenwert. In einem Interview von 1979 sagte er dazu: „Ich hatte eine Reihe von Angeboten aus dem Ausland. Als der Krieg aus war, habe ich sofort Einladungen von Perón, Franco und Stalin erhalten.“

Arno Breker war den Kommunisten nicht zu Diensten, dafür seine Schülerin Ruthild Hahne. Hier porträtierte sie Walter Ulbricht.
Arno Breker war den Kommunisten nicht zu Diensten, dafür seine Schülerin Ruthild Hahne. Hier porträtierte sie Walter Ulbricht. Um 1960. Archiv Hahne, Berlin

Brekers dritte Karriere im Wirtschaftswunderland

Aber Arno Breker blieb in Westdeutschland und machte nun seine dritte Karriere. Kunden und Auftraggeber wie der Kölner Sammler Peter Ludwig, der Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, der Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Banker Hermann Abs oder die Unternehmer Oetker, Quandt, Reemtsma, Henkel, Schickedanz u. a. standen bei ihm Schlange. Sie alle suchten den Kick, einem lebenden Maskottchen Adolf Hitlers nahe zu sein.

Entscheidend war die persönliche Beziehung des Künstlers zum Chef des Versicherungskonzerns Gerling, von dem er zahlreiche Aufträge erhielt, sodass die rechtsextreme Nationalzeitung schon 1954 jubeln konnte: „Offiziell geschnitten, inoffiziell Hochbetrieb“.

1970: Ludwig Erhard (rechts) sucht nach seiner glücklosen Amtszeit als Bundeskanzler Trost in der Kunst: Hier zusammen mit Arno Breker vor dessen Portrait-Plastik des Politikers (Quelle: DKA)

Arno Breker bekam Aufträge von Siemens, Bayer, DEMAG-Duisburg, dem Bankverein Westdeutschland. Ex-Kanzler Ludwig Erhard legte sein ganzes politisches Gewicht in ein offenbar von betäubendem Zigarrenqualm umnebeltes Kunsturteil und lobte 1974: „Ein Künstler, der wie Breker wirkt, auf der Grundlage christlicher Ethik, dem Guten verpflichtet, tolerant und unbeirrbar, bedarf keiner Verteidigung.“

Er stand für eine Kontinuität der figurativen Plastik ohne moderne Verfremdungs- und Abstraktionstendenzen. Für private Auftraggeber durchaus schmeichelhaft, pflegte er in seinen Büsten einen nunmehr gemäßigt heroischen Idealismus. Prominente Kunstsammler wie „Baron Heini“, der Thyssen-Erbe Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, und seine fünfte Frau „Tita“ ließen sich idealisierte Portraits vom mittlerweile greisen Breker anfertigen, bei denen die vom ewigen Jet-Setting müden Augen plötzlich wieder groß und wach erschienen.

Marmorbüsten aus Brekers Hand, wie etwa für das Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig, sollen Preise bis zu 150.000 Mark erzielt haben. Auch Sportlerstars wie der Schwimmer Walter Kusch, die Zehnkämpfer Kurt Bendlin und Jürgen Hingsen oder die Leichtathletin Ulrike Meyfarth saßen dem Bildhauer Modell. Prominente wie Fürstin Gloria oder Salvador Dalí verewigte er ebenso in Form von Büsten.

In den 1970er Jahren berichteten Zeitungen bereits von Wartelisten in Prominentenkreisen. Ältere Arbeiten wurden mit bis zu 500.000 DM gehandelt. In einem parkartigen Garten in Düsseldorf-Lohausen versammelte der „geschmähte“ Künstler seine Plastiken. 1980 wurde das private Arno Breker-Museum im Schloss Nörvenich gegründet.

Quotentrumpf Nazikunst

Interessant am Umgang mit Arno Breker in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit ist der Kontrast zwischen der Hofierung des einstigen Lieblingskünstlers Adolf Hitlers durch Teile der gesellschaftlichen Elite und der Tatsache, dass Museen und Galerien die Werke von Arno Breker und anderen Gehilfen und Günstlingen der NS-Kunstpolitik in die Depots räumten.

Der Umgang mit diesem Erbe stellt sich bis heute zwiespältig dar. Der künstlerische Wert – meist langweilig illustratives Kunsthandwerk zur Bebilderung einer mörderischen Ideologie – entspricht nicht den Ansprüchen, die man heute an Kunst hat: Aufklärerisch, reflektiert und menschenfreundlich. Breker & Co produzierten hingegen Dekorationsmaterial für eine inhumane Macht.

Zudem hat die verlogene Heile-Welt Ästhetik der NS-Zeit – ebenso wie deren Ideologie – nach wie vor ihre Fans. Und niemand möchte Pilgerstätten für Rechtsextremisten einrichten. Aber selbst unverdächtigen, dafür aber unbedarften Betrachtern scheint die Nazikunst viel leichter konsumierbar als die als anstrengend geltende moderne Kunst. Eine Ausstellungskonzeption im Sinne gut gemeinter „Aufklärung“ kann also leicht daneben gehen.

In der Regel haben es Ausstellungen schwer, in die Hauptnachrichten zu kommen. Nicht so bei Ausstellungen, die sich mit NS-Kunst befassen. Hier 2016 mit der Ausstellung „Artige Kunst – Kunst und Politik im Nationalsozialismus“.

Andererseits gehört die unbequeme Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe zu den Grundwerten der kulturpolitischen Entscheidungsträgerinnen und -träger. Darüber hinaus garantieren Ausstellungen dieser Art immer großes mediales Interesse und große Besucherströme. Im immer härter werdenden Kampf um Aufmerksamkeit können Ausstellungshäuser mit dem Nazi-Twist also mächtig punkten.

Folglich gibt es immer wieder Initiativen, die sich mit der Propagandakunst des Nationalsozialismus auseinandersetzen und Möglichkeiten durchspielen, diese auszustellen bzw. die entsprechenden Bestandteile in den Museumssammlungen zu thematisieren.

2012 z.B. fand eine entsprechende Ausstellung im Münchner Haus der Kunst statt – unter dem Titel Geschichten im Konflikt: Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst 1937-1955. Hintergrund dieser Initiative war, dass die Institution selbst von den Nationalsozialisten als „Haus der Deutschen Kunst“ gegründet wurde und Hort der mehrmals veranstalteten Propagandaschau „Großen Deutsche Kunstausstellung“ war.

In München eröffnete Adolf Hitler 1937 das „Haus der Deutschen Kunst“ und darin die „1. Große Deutsche Kunstausstellung”. (Bild: Bundesarchiv)

Weitere Projekte wie „Tradition und Propaganda – eine Bestandsaufnahme“ 2013 in Würzburg und „Artige Kunst – Kunst und Politik im Nationalsozialismus“ 2016 in Bochum, Rostock und Regensburg lassen sich nennen.

Der Ansatz, an Werken der NS-Propaganda aufzuklären, verdient immer wieder einen sorgfältigen Versuch. Material dafür gibt es genug im öffentlichen Raum. Auf dem Berliner Olympiagelände (in der NS-Zeit: „Reichssportfeld“) lassen sich z.B. Arno Brekers Statuen betrachten, dort als Teil eines denkmalgeschützten Ensembles und zusammen mit heldischen Statuen von Adolf Wamper, Josef Wackerle und Josef Thorak. Ärgerlich allerdings, dass diese Anlage nur halbherzig kontextualisiert wird und z.B. für Schulklassen kein geeignetes Dokumentationszentrum existiert. Es gibt nur ein paar dürftige Aufsteller in der Langemarckhalle und auf dem Gelände.

Fazit: Die Museen muss man mit der Propagandakunst des NS-Regimes nicht verstopfen. Schon jetzt kommen viele sehenswerte künstlerische Positionen aus der Vergangenheit und der Gegenwart in den Institutionen viel zu kurz. Es wäre eine Aufgabe der Medien, diese wünschenswerten Ausstellungen dann mit gebührender Aufmerksamkeit in den Hauptnachrichten zu würdigen, statt sich an Werken aufzuheizen, die einst „der Führer“ mit Wohlwollen betrachtet, wenn nicht gar einmal berührt hat …

(Titelmotiv unter Verwendung eines Bildes von Jens Johnsson auf unsplash)

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